Alle Toten fliegen hoch…

…ist zunächst mal ein sehr gewöhnungsbedürftiger Buchtitel. Insbesondere, wenn man dann, wie ich, sehr begeistert davon ist.

Wie suche ich ein Buch aus?

Am liebsten stöbere ich einfach in Buchhandlungen. Egal ob am Bahnhof, Flughafen, oder auf Geschäftsreisen in einer anderen Stadt, in der Regel suche ich einen Buchladen auf und frage den nächsten verfügbaren Mitarbeiter, was er/sie mir empfehlen würde. So kam ich auf einen meiner Lieblinge, Pablo Tusset, den mir ein Mitarbeiter in Augsburg auf dem Bahnhof empfohlen hat. Gefragt nach meinen Vorlieben, kam neben TC Boyle, natürlich auch Haruki Murakami und darauf hat es offenbar „Klick“ bei ihm gemacht. Zum Glück, sonst hätte ich riesen Spaß verpasst!

Joachim Meyerhoff Reihe

„Alle toten fliegen hoch“, der erste Teil, der offenbar recht autobiografischen Geschichte von Joachim Meyerhoff, hatte mich einfach wegen des Titels angesprochen, also habe ich den Klappentext studiert:

41Z2dswRJHL._SX304_BO1,204,203,200_Von der ersten Seite an folgt der Leser gebannt Meyerhoffs jugendlichem Helden, der sich aufmacht, einen der begehrten Plätze in einer amerikanischen Gastfamilie zu ergattern. Aber schon beim Auswahlgespräch in Hamburg werden ihm die Unterschiede zu den weltläufigen Großstadt-Jugendlichen schmerzlich bewusst. Konsequent gibt er sich im alles entscheidenden Fragebogen als genügsamer, naturbegeisterter und streng religiöser Kleinstädter aus – und findet sich bald darauf in Laramie, Wyoming, wieder, mit Blick auf die Prärie, Pferde und die Rocky Mountains.
Der drohende Kulturschock bleibt erst mal aus, der Stundenplan ist abwechslungsreich, die Basketballsaison steht bevor, doch dann reißt ein Anruf aus der Heimat ihn wieder zurück in seine Familie nach Norddeutschland – und in eine Trauer, der er nur mit einem erneuten Aufbruch nach Amerika begegnen kann.
Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Und diese Trauer betrifft den Tod seines Bruders, der bei einem Unfall zu Hause in Schleswig ums Leben gekommen ist. Dieser erste Teil beschäftigt sich also vor allem mit dem Erwachsenwerden unter betrüblichen Umständen, dass leider ganz ungelegen kommt, denn in USA warten die ersten Mädchen, der Sport und alles, was für einen Teenager essentiell wichtig ist. Natürlich löst aber genau dass in dem durchaus sensiblen Jungen einen inneren Konflikt aus, mal abgesehen, dass seine Familie so gar nicht damit umgehen kann.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Ist der 2. Teil, obwohl man nunmehr in die Kindheit der Biografie von Meyerhoff zurückversetzt wird. Aber wie Teil 1 bringt einen der Autor zum Lachen und zum Weinen, wenn er von seiner Kindheit in der Psychiatrie erzählt. Nicht als Insasse, nein, sein Vater ist der Direktor der Anstalt und er wächst zwischen und mit den „Verrückten“ auf. Klappentext:

20180724_090632Der junge Held in Meyerhoffs zweitem Roman wächst zwischen Hunderten von Verrückten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie auf – und mag es sogar sehr. Mit zwei Brüdern und einer Mutter, die den Alltag stemmt – und einem Vater, der in der Theorie glänzt, in der Praxis aber stets versagt. Wer schafft es sonst, den Vorsatz, sich mehr zu bewegen, gleich mit einer Bänderdehnung zu bezahlen und die teuren Laufschuhe nie wieder anzuziehen? Oder bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen?
Am Ende ist es aber wieder der Tod, der den Glutkern dieses Romans bildet, der Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist, die Sehnsucht, die bleibt – und die Erinnerung, die zum Glück unfassbar pralle, lebendige und komische Geschichten hervorbringt.

Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Ist der letzte Teil der Reihe, die das Erwachsenenalter von Meyerhoff auf seinem Weg zum Schauspieler beschreiben und eine wunderbare Hommage an seine offenbar höchst charmanten Großeltern sind. Klappentext:

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Mit Anfang zwanzig geschieht dem Erzähler in Joachim Meyerhoffs drittem Roman das Unerwartete: Er wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht in die großbürgerliche Villa seiner Großeltern. Die Tage der ehemaligen Schauspielerin und des emeritierten Professors für Philosophie sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Der Erzähler wird zum Wanderer zwischen den Welten. Tagsüber an der Schauspielschule systematisch in seine Einzelteile zerlegt, ertränkt er abends seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein. Doch ihm entgeht nicht, dass auch die Großeltern gegen eine große Leere ankämpfen, während er auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehren soll und dabei fast immer grandios versagt.

Bei allen drei Büchern habe ich zwischen lachen und weinen, bzw. sehr gerührt sein, geschwankt. Ganz besonders Teil 1 und 2 sind mir sehr nachhaltig im Gedächtnis geblieben und mir vorzustellen, dass die Geschichten höchst nah an der echten Biografie von Meyerhoff sind, nötig mir einen Respekt vor seinem Umgang damit ab.

In jedem Moment sind diese Bücher unterhaltsam und teilweise auch tiefgründig. Ich vermute, es hängt davon ab, wie gut man sich damit identifizieren kann. Auf alle Fälle eine Empfehlung von mir!

Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Hatte ich mir auch noch geholt und gelesen, obwohl ich schon von Teil 3 nicht mehr gänzlich hingerissen war. So ging es mir hiermit leider auch. Es geht jetzt chronologisch weiter mit seinem „halb“erwachsenen Schauspielerdasein und der ersten echten Liebe, die natürlich in die Hose geht, aber von der dicken, duftigen Bäckersfrau opulent aufgefangen wird. Klappentext:

Eine blitzgescheite Studentin, eine zu Exzessen neigende Tänzerin und eine füllige Bäckersfrau stürzen den Erzähler in schwere Turbulenzen. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse ist physisch und logistisch kaum zu meistern, doch trotz aller moralischer Skrupel geht es ihm so gut wie lange nicht.

Am Anfang stand eine Kindheit auf dem Anstaltsgelände einer riesigen Psychiatrie mit speziellen Freundschaften zu einigen Insassen und der großen Frage, wer eigentlich die Normalen sind. Danach verschlug es den Helden für ein Austauschjahr nach Laramie in Wyoming. Fremd und bizarr brach die Welt in den Rocky Mountains über ihn herein. Kaum zurück bekam er einen Platz auf der hochangesehenen, aber völlig verstörenden Otto-Falckenberg-Schule, und nur die Großeltern, bei denen er Unterschlupf gefunden hatte, konnten ihn durch allerlei Getränke und ihren großbürgerlichen Lebensstil vor größerem Unglück bewahren.

Nun ist der fragile und stabil erfolglose Jungschauspieler in der Provinz gelandet und begegnet dort Hanna, einer ehrgeizigen und überintelligenten Studentin. Es ist die erste große Liebe seines Lebens. Wenige Wochen später tritt Franka in Erscheinung, eine Tänzerin mit unwiderstehlichem Hang, die Nächte durchzufeiern und sich massieren zu lassen. Das kann er wie kein Zweiter, da es der eigentliche Schwerpunkt der Schauspielschule war. Und dann ist da auch noch Ilse, eine Bäckersfrau, in deren Backstube er sich so glücklich fühlt wie sonst nirgends. Die Frage ist: Kann das gut gehen? Die Antwort ist: nein.

Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Ich sage jetzt mal „kann man, muss man aber nicht“…

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