Inflationäre Tätowierungswut – Arschgeweih und Co.

Wie sagte Guido (Maria Kretschmer) kürzlich so nett bei einer Sendung, wo ein Mädchen mit einem rückenfreien Kleid posierte: „Da ist ja gar keine Tätowierung?! Dass man nochmal einen freien Rücken sieht, hab ich schon nicht mehr geglaubt.“

Tatsächlich ist die Tätowierungswut seit dem Aufkommen der Arschgeweihe ungebrochen. Hat man noch vor 15 Jahren bei jedem Bücken der Ladies String über Arschgeweih gesehen, muss man heutzutage schon fast freie Flächen auf den leicht bekleideten Mädchenkörpern suchen. Vieles davon ist Stückwerk, dass keinen roten Faden hat und keinen erkennbaren Sinn ergibt.

Nicht falsch verstehen – ich liebe Tätowierungen. Zumindest habe ich das mal getan, als Tätowierungen noch etwas ganz besonderes waren und den Träger einzigartig markiert haben. Apropos markiert – es waren tatsächlich in der Regel markante Typen, meist Männer, die den Körperschmuck trugen. Und ja. Ich fand das wirklich attraktiv, suggeriert es doch eine gewisse „Gefährlichkeit, Unerschrockenheit, Männlichkeit“ oder was auch immer. Auf alle Fälle haben mir Tätowierungen bei ‚echten Kerlen‘ gut gefallen.

Tun sie heute noch, aber im Grunde grenzt man sich doch heutzutage damit ab, eben nicht tätowiert zu sein.

Sch… auf Rose

Blöd eigentlich, dass ich selbst tätowiert bin. Zum Glück nur am Schulterblatt, so dass es ein leichtes ist sie nicht zu zeigen. Schön finde ich meinen Skorpion heute nicht mehr. Aber ich stehe dazu, denn sie hat mir vor 30 Jahren viel bedeutet.

Outfit Strenesse

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich mit 18 zu Moniques Tatoo-Shop gegangen bin und meine Volljährigkeit, mein Revolutzertum, meine Eigenständigkeit, meinen Trotz manifestieren wollte. Ich blätterte in den Motiven und überlegte, was ich mir denn wohl stechen lassen sollte. Eine Rose, oder ein Delfin, den damals die ersten mutigen, oder leicht assigen Mädchen auf der Brust oder der Hüfte hatten, durfte es in keinem Fall sein, schließlich wollte ich ja protestieren. Wogegen? Gute Frage. Vermutlich dagegen ein Mädchen zu sein. Zumindest das Mädchen, dass meine Mutter sich wünschte. Ich wollte nicht süß sein. Ich wollte nicht feminin sein. Ich wollte besonders sein. Anders.

Ergo: ein Skorpion. Der Sticht und kann tödlich sein.

Die Frage „Ach, ein Skorpion, Dein Sternzeichen?“ konnte ich schnell  nicht mehr hören, obwohl  auch mein Sternzeichen, der Schütze, recht tödlich sein kann…

Ich wollte es grimmig und habe es grimmig bekommen. Und es hat super weh getan. So weh, dass ich fast ohnmächtig wurde. Danach bin ich in eine Kneipe gegangen, habe still vor mich hingelitten, ein Bier getrunken und mich mega erwachsen gefühlt.

Allerdings habe ich alles erreicht was ich wollte. Meine Mutter war ordentlich entsetzt und hat vergeblich versucht das Tier von meinem Rücken zu waschen.

Fragen an Tätowierwütige

Zu manchen Menschen passen die teilweise wilden ausufernden Tätowierungen, Piercings und Tunnel in den Ohren wirklich gut. Sie provozieren, was sie sicherlich auch bezwecken. Lässt man sich darauf ein, ist man hin und wieder überrascht welcher Mensch dahinter steckt. An diese Menschen hätte ich 2 Fragen:

1. Warum müsst ihr derart provozieren? Reicht die nette Persönlichkeit denn wirklich nicht aus, ohne, dass der Gegensatz des Äußeren zum Inneren so inszeniert werden muss?

2. Habt ihr keine Angst als 80 Jährige(r) vollkommen lächerlich damit auszusehen? Muss es denn wirklich der ganze Körper inklusive Gesicht sein? Oder denken junge Leute noch nicht so weit voraus?

Ich habe damals durchaus gedacht, dass ich meine Tätowierung auch verstecken können will. Ich liebe sie heute nicht mehr. Aber ich liebe noch immer meine damalige Motivation sie mir machen zu lassen. Deswegen würde ich sie mir auch nie entfernen lassen und kümmere mich auch nicht darum, ob man sie sieht oder nicht.

Mein Augenbrauenpiercing hatte ich mir allerdings schnell wieder raus genommen. A) war es hässlich und b) tut’s einfach weh 😉