Gestorben wird immer

Die über 90 jährige Agnes hat ein Imperium geschaffen mit ihrem Steinmetzbetrieb für Grabsteine und regiert die Familie mit eiserner Hand.

Wie sind im Jahr 2008 und erfahren über die weit verzweigte Familie, dass sie ziemlich zerstört ist, dass jedes Familienmitglied massive emotionale Probleme hat, sie sich gegenseitig nicht sonderlich leiden können und alle sind ohne Ausnahme komplett abhängig von Matriarchin Agnes, die Ihre Macht gnadenlos ausspielt, wenn sie es für notwendig erachtet.

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Das Buch ist in diverse Zeitsprüngen zwischen 1930 und 2008 kapitelweise aufgeteilt und so unsympathisch Agnes uns zu Beginn erscheint, so mehr schlägt dieses Gefühl in Bewunderung um, wenn man im Laufe des Romans immer tiefer in die dunkelsten Geheimnisse der Familie eintaucht.

Tatsächlich hatte Agnes in Jugend alles. Sie war intelligent, schön, reich und übermässig verwöhnt. Sie verstand mitnichten, dass ihr Vater bestimmt das schicke Königsberg zugunsten eines ostpreußischen Kuhdorfs zu verlassen und sie dann auch noch zwang den bäuerlichen Wilhelm zu heiraten, der schon bald darauf als SS-Mann in den Krieg zieht und Agnes mit der bösartigen Schwiegermutter allein läßt. Sie beginnt zu verstehen, als diese sie im Streit „Judenbrut“ heißt. Sie will dem zunehmenden Terror durch Wilhelm auf Heimaturlaub und der Schwiegermutter entkommen, doch ihr Vater bestätigt, dass seine Frau, ihre Mutter, jüdisches Blut hat und untersagt ihr ungehorsam zu sein.

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Genau dann beginnt Agnes ihr wahres Wesen zu entwickeln, dass einerseits von einer großen Leidensfähigkeit (für Ihre Kinder), andererseits von großem Planungstalent geprägt ist. Und ja. Ihre Pläne sind außerordentlich rigoros und sie folgt ihrem Plan minutiös. Sie nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand und dabei steht ihr besser niemand im Weg, denn um ihre Kinder zu retten tut sie alles, auch über Leichen gehen.

Die Kinder und deren Kindeskinder, in 2008 zerstritten, teilweise drogenabhängig und durch die Bank psychisch „auffällig“, ahnen nichts von all dem, was Agnes auf sich genommen hat, um sie zu schützen.

Als Agnes die Familie zusammenruft und alle Geheimnisse preisgibt, um reinen Tisch zu machen, erhalten alle die Erklärung für die harte Hand der Greisin und alle werden sich klar, dass die bösen Träume gar keine Träume waren…

Als Leser konnte ich Agnes am Anfang des Buches nicht leiden und habe die Familienmitglieder, die sich widerwillig zwar, aber dennoch ausnahmslos unterordnen, verachtet. Die ersten 50 Seiten hatten mich nicht nachhaltig beeindruckt, aber der Roman ist angesichts des düsteren Themas mit leichter Hand geschrieben und man entwickelt ein tiefes Verständnis mit den Protagonisten.

Agnes war für mich schlussendlich „bemerkenswert“ und ihr Happy End, ihrer aller Happy End, habe ich ihnen gegönnt und habe mich für Agnes gefreut, die erst zum Ende ihres Lebens nichts mehr planen und organisieren muss. loslassen und sogar lächeln kann.

Fazit: absolut empfehlenswert für alle, die einen Faible für komplizierte Familiengeschichten haben und einen Hang zu „psychologischen und philosophischen“ Romanen.

Und jetzt stelle ich das Buch unten in den Hausflur und hoffe, es findet einen Interessenten, dem es ebensogut gefällt, wie mir. Eine Methode, die ich hier sehr zu schätzen gelernt habe 😉