Mein täglich Buch gib mir Heute

Gestern bin ich über einen wunderbaren Artikel der Zeit gestolpert, dessen Titel ich mir für meine heutige Buchempfehlung entliehen habe.

Der Artikel hat mir meinen Tag gerettet, nachdem mich beim üblichen Scannen neuer Informationen in Facebook eine regelrechte Traurigkeit über die zunehmende Verrohung der Gesellschaft überkommen hatte. Ich las darüber, dass das traumhafte Venedig unter Ozeandampfern versinkt, dass die Stadt Wiesbaden unter Kunst versteht eine Erdogan Statue auf dem Platz der deutschen Einheit aufzustellen, alles rund um sächsische Ausschreitungen und wie Nestlé dem französischen Städtchen Vittel das Wasser abgräbt und vieles Unschönes mehr.

Unbenannt

https://www.facebook.com/plugins/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fnicole.kirchdorfer.5%2Fposts%2F1955669211160038&width=500

An Tagen wie diesen flüchte ich mich nur zu gerne in die Romanwelt. Ein aktuell gelesenes Exemplar und durchaus eine Empfehlung ist der Roman von Irene Dische:

20180826_115349
https://nikileaks.de/2018/08/29/mein-taeglich-buch-gib-mir-heute/

Ok, zugegeben, der Titel hat irgendwie nicht so wirklich was mit dem Inhalt zu tun (finde ich) und er hätte mich auch nicht angesprochen, wenn ich nicht bereits ein Buch von Dische gelesen hätte, dass mich vom Hocker gehauen hat: Großmama packt aus.

Denn es geht eigentlich es laut Klappentext um eine Art Sheldon Cooper vor dem Hintergrund der wenig digitalen Wiedervereinigung. Physiker und Mathematiker Dr. Benedikt Waller erfährt, dass er unheilbar krank ist und will der Nachwelt einen Erben der Waller-Dynastie hinterlassen, ohne je an Frauen Interesse gehabt zu haben. Sexualität spielt für ihn keinerlei Rolle, außer einer Funktionskontrolle, die er allerdings mit einem Mann durchführt. Erfolgreich getestet verliert er sofort jegliches Interesse, was die Leidenschaft des Lehrers Schmidt erst Recht anfacht, obwohl er doch im 1. Leben glücklich verheiratet und Vater ist…

20180827_101204

Er setzt im Bestreben nach Nachkommenschaft eine Annonce in die Zeitung, denn adoptieren scheint ihm rational einfacher, als sich mit der mühsamen Suche nach einer Frau und derer Begattung zu befassen. Wie nicht anders zu erwarten findet sich da jemand (bedürftiges) und obwohl der Leser weiß, dass Marja bereits verheiratet ist, geht die Geschichte seiner Wege. Zunächst zurück auf den Familienbesitz, denn in der Berliner Wohnung stoßen die zwei (unwillkommenen) Neuankömmlige schnell an die Grenzen der Toleranz des kauzigen Waller.

Hier residiert die Gräfin Waller, seine Tante, die durch Köchin, Chauffeur und Mädchen versorgt wird. Die Neuankömmlige wirbeln in dem vertrockneten Haushalt mächtig Staub auf, so auch unbewußt den Staub auf der Seele des Protagonisten, der sich unmerklich Gefühlen bewußt wird. Ein vollkommen neuer und nachhaltig irritierender Zustand für ihn.

Sie heiraten nach dem Tod der Gräfin. Die Hochzeit ist eine Farce, die im Chaos endet, was der Braut herzlich egal ist, Waller aber in immer größere Bedrängnis bringt. Eigentlich wollte er ja nur einen Stammhalter. Die Frau kann also weg. Ein Plan sie umzubringen ist schnell geschmiedet. Doch kaum ist sie weg, ist seine Verwirrung umso größer und alle, außer ihm selbst, merken, dass er sich verliebt hat.

20180827_101144

Dische hat es schon in ihrem vorhergehenden, weitgehend autobiographischen Roman geschafft, mich ‚zu bilden‘, ohne erhobenen Zeigefinger, dafür aber mit einer feinen, bildhaften Sprache, die häufig zum Lächeln trotz der Ernsthaftigkeit des Buches einlädt.

Der vorliegende Roman ist gut, bleibt aber weit hinter „Großmama packt aus“ zurück. Eine Rezension der Süddeutschen bringt es für mich auf den Punkt:

Das „fremde Gefühl”, das sich behauptetermaßen zum Schluss Geltung verschafft: fremd bleibt es vor allem dem Leser. Diesem Buch mit seinem geistes- und herzensabwesenden Helden fehlt es in hohem Grad an innerer Notwendigkeit. BURKHARD MÜLLER

Das Buch hat mich im letzten Viertel, als er plötzlich seine „Liebe“ entdeckt verloren. Das happy End nehme ich nicht ab. Dennoch habe ich es gerne gelesen, denn sprachlich ist Dische eine ganz große. Wirklich empfehlen, mit Nachdruck, kann ich allerdings nur:

Da sind sich auch die Pressestimmen einig (Quelle: Amazon):

https://www.amazon.de/Gro%C3%9Fmama-packt-aus-Irene-Dische/dp/3423135212/ref=pd_bxgy_14_img_2?_encoding=UTF8&pd_rd_i=3423135212&pd_rd_r=c7000497-aac0-11e8-b0cd-5590e01106d2&pd_rd_w=znuQz&pd_rd_wg=K2wMQ&pf_rd_i=desktop-dp-sims&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_p=132d04bd-65e5-406f-a3b5-065387ba385f&pf_rd_r=K1F41BVBSQ2P1MGGKNT0&pf_rd_s=desktop-dp-sims&pf_rd_t=40701&psc=1&refRID=K1F41BVBSQ2P1MGGKNT0

»Das ist so frech, sarkastisch wie anrührend. Dische erzählt in flottem Ton gleichermaßen über Hochprivates wie Omas Fresslust und Politisches.«
Berliner Morgenpost

»Hinreißend erzählt. Tragisch, komisch, grotesk wie auch makaber. Zum Dahinschmelzen.«
Rainer Schmitz, Focus

»›Großmama packt aus‹ zeigt das Gesamtbild bürgerlicher Familienkatastrophen. Unbarmherzig, liebevoll, hinreißend.«
Michael Naumann, Die Zeit

»Bei dieser Tragikomödie bleibt kein Auge trocken. Wir sind verblüfft, wir lachen, wir sind gerührt von dieser deutsch-jüdischen Geschichte aus dem schrecklichen zwanzigsten Jahrhundert.«
Hans Magnus Enzensberger

»Ein historisch wertvolle, unpathetische Autobiografie mit Pfiff.«
Tip Nr. 26/2008
»Irene Disches Familiengenealogie ist „eine Art Beichte“, herrlich amüsant, aber auch ziemlich lehrreich, frech, klug und augenzwinkernd geschrieben.«
Roland Mischke, General-Anzeiger 14.11.2008

»Eine Familiengeschichte, ein Buch der anderen Art über Nazizeit und Judenverfolgung – und ganz nebenbei auch noch ein positiver Blick aufs Älterwerden.«
Neue Westfälische 13.09.2007