Ist Briefe schreiben noch in? Oh ja…

… zumindest, wenn man eine taube Omi mit weit über 90 Jahren hat, die natürlich nicht online ist und mit der man einfach nicht anders kommunizieren kann.

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Meine Omi, als sie 23 war

Vor ein paar Jahren, als es mit den Ohren immer schlimmer wurde, brüllte meine Omi am Telefon: „Niki, macht keinen Sinn zu telefonieren“ und ich konnte ihr da nur zustimmen. Ich bin fast sicher, dass alle, außer meiner Omi, mich auch auf die Distanz von 250km hören konnten in dem Bestreben ihr etwas am Telefon zu erklären. Also fing ich an Briefe zu schreiben. Seitdem entwickelte sich eine stetige Briefbeziehung, die tatsächlich dazu geführt hat uns sehr viel näher zu bringen, denn ich stellte fest, dass meine Oma gedanklich noch absolut fit ist – wie früher körperlich 😉

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angeblich Fasching…ja, ja…

Am schönsten war ihre Beschreibung des Schreibprozesses, denn sie verriet mir, dass sie für jeden Brief ihre 70 Jahre alte Schreibmaschine aus dem Keller holt, die in der ansonsten durchgestylten Wohnung keinen Platz hat. Handschriftlich geht nicht mehr gut, weil es dann doch recht krakelig anmutet. Also ruckzuck Papier und Löschpapier eingelegt – Löschpapier deshalb, weil das Farbband nicht mehr funktioniert – und schon habe ich einen neuen Brief. Einfach herrlich.

Oft schickt sie mir dann auch die Kopien von Dokumenten oder alte Fotos mit, die für mich immer Highlights sind. Letztendlich geht es ihr darum, Ihr Erbe zu bewahren, denn meine Mutter möchte das eine oder andere Stück der Puppenstube einfach nicht haben, allein voran das 10.000-teilige Zwiebelmuster Geschirr, das gehegt und gepflegt wurde, wie alles in dieser pitoresken, durchgestylten Wohnung.

Wie alt ist zu alt?

Aber eines sagt sie auch und ich kann das sehr gut nachvollziehen „Niki, wünsch Dir nicht so alt zu werden. Ist kein Zuckerschlecken“ und das sehe ich. Es muss sehr schwer sein, wenn einem alle Freunde sukzessive wegsterben und man im Grunde völlig alleine und isoliert ist, weil man kaum noch hört und das Gehen immer schwerer fällt.

Allerdings kommt eine Hilfe im Haushalt gar nicht in Frage, denn Fremde in der Puppenstube kann man nicht dulden und außerdem schafft man ja alles noch alleine. Denn bei meiner Oma kann man vom Boden, oder auch von den Fenstern essen. Wie sie allerdings über den Architekten schimpft, dem es eingefallen ist ihr eine komplette Fensterfront über die ganze Wohnung zu bauen, das wollt ihr lieber nicht hören 😉

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Nichts desto trotz freue ich mich auch über die zwölfte Karte aus und mit dem Motiv der Aachener Uniklinik, die sie mir (dann gezungenermaßen handschriftlich) sendet, wenn der Herzschrittmacher oder der krumme Rücken mal wieder Justierung brauchen.

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Mittlerweile kann sie auch nicht mehr mit dem Zug kommen, denn das Handling mit dem Rollator plus Koffer ist eine zu große Herausforderung. Also holen mein Bruder oder ich sie jedes Weihnachten und jeden Geburtstag meiner Mutter mit dem Auto ab zu uns und fahren an ihrem Geburtstag zu ihr. So auch zum aktuell 95. Geburtstag, der hoffentlich nicht letzte!

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Umgepflanzt werden will sie nicht mehr, obwohl wir auch das schonmal in Erwägung gezogen haben und sie dafür war. Aber all ihre Möbel und den Nippes nicht mit ins  Heim nehmen zu können, gab den Ausschlag es doch noch daheim zu probieren. Und so wünsche ich meiner Oma, dass sie eines Tages einfach nicht mehr aufwacht (wünscht sie sich selbst auch), so traurig dies für die Hinterbliebenen wird.

Es macht sich ja jeder mal Gedanken über das richtig alt werden. Und damit meine ich nicht das allgemeine Jammern über Falten und alterbedingte Wehwechen, sondern das Hinfällig werden. Wie alt will ich denn wirklich werden?

Meine Oma hat ihren Mann sehr früh verloren, bezeichnenderweise wegen Nierenversagens, eine Krankheit, die auch mein Leben geprägt hat. Sie war erst Mitte 40 und konnte also nochmal ein ganz neues Leben beginnen. Die Frauen in meiner Familie mütterlicherseits sind alle weit über 90 Jahre alt geworden. Da erhebt sich in dunklen Momenten die Frage, wie lebenswert das Leben ist, wenn man erstmal gebrechlich, oder gar schwer krank wird? Klar sind wir eine andere Generation, die dem Motto „Turne in die Urne“ folgt. Zumindest ich. Und sicherlich bedeutet Lebensqualität für jeden etwas anderes. Ich hoffe einfach nur nicht einsam zu werden, denn ich bin zwar ganz gerne mal allein, aber es gibt wohl nichts Schlimmeres als Einsamkeit. Jetzt wird es mir aber zu schwermütig, also schließe ich an dieser Stelle.

Aber nicht, ohne zu erwähnen, dass ich Omis‘ Briefe, Postkarten, Dokumente und Bilder jedenfalls sorgfältig aufhebe. Das und dieser Blogartikel dienen meiner persönlichen Kategorie „Erinnerungen bewahren“…

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Mutter und Tochter

Und da es bei mir auch immer um Mode geht, hier das OOTD (outfit of the day – für die Nicht-Instagramer)