Die Ladenhüterin kann man sich sparen. Oder doch nicht?

Am Wochenende habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Eine Freundin fragte mich, welches Buch ich denn aktuell wohl empfehlen würde.

Eine Frage, die ich liebend gerne höre und in epischer Breite beantworte – Be aware 😉

Ich empfahl Ihr „Der Zopf„, der bei mir auf viel Wohlwollen gestoßen war und riet ihr von „Der Ladenhüterin“ aktiv ab. Ungefragt erzählte ich dennoch vom Inhalt des Buches, vor dem ich sie warnen wollte und steigerte mich bis in Details hinein. Je mehr ich erzählte, desto interessierter hörte sie zu und desto interessanter fand ich selbst es auch.

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Wie sind mal wieder in Japan und haben diesmal die japanisch weibliche Ausgabe von Sheldon Cooper vor Augen. Die junge Frau ist hochbegabt, aber ihre Familie und die meisten anderen Menschen finden sie merkwürdig. Sie wiederum findet es merkwürdig, dass alle anderen sie seltsam finden, ist sie doch ganz Ratio.

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Das ganze fängt an, als sie einen Streit in der Grundschule schlichtet und einem der Streithähne mächtig eine überzieht. Er sinkt blutend zusammen, die wird vor die Direktorin gezerrt. Auf die Frag nach dem Warum antwortet sie ohne jedes Schuldbewusstsein: „Die Lehrerin sagte doch, jemand solle dafür sorgen, dass das aufhört.“

Leben anhand von Erwartungen

Sie ist pragmatisch und versteht nicht, warum andere es nicht sind. Sie versteht allerdings, dass andere sie nicht verstehen und sogar ablehnen wegen ihrer Art.

Um Ihre Ruhe zu haben, passt sie sich an. Sie nimmt als Akademikerin einen Job in einem Konbini (einem Supermarkt mit Frischetheke) an und wird dort schnell unersetzlich. Da sie 17 Jahre in diesem Hilfsjob verweilt, wechseln ihre Vorbilder, die sie in Sprechweise und auch in Styling nachahmt. Nur so kann sie antizipieren, was andere Menschen von ihr erwarten und wie eine Frau in Ihrem Alter zu sein, bzw. sich zu kleiden hat.

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Die Initiative wird zunächst von Ihrer Schwester, der sie am ’nächsten‘ steht, begrüßt und diese ist erstaunt und erfreut zu sehen, dass sie sich nunmehr anders kleidet und an sozialen Aktivitäten teilnimmt. Merkwürdig erscheint ihr allerdings, dass sich ihre Persönlichkeit alle paar Monate ändert.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass sie mit Mitte 30 nach Freund, Ehemann und Kindern gefragt wird. Die Verneinung all dessen trägt ihr neues Misstrauen der anderen Damen ein, also geht sie einen Deal mit einem ehemaligen Konbini-Mitarbeiter ein.

Ihr Leben ändert sich derart, dass sie sich selbst nicht mehr erkennt. Oder gibt es gar nichts zu erkennen, weil sie keine Persönlichkeit besitzt und ihr plötzlich nachahmenswerte Vorbilder fehlen?

Fazit – Keine leichte Unterhaltung

Die Geschichte ist abstrus. Man schwankt als Leser zwischen Kopfschütteln und Lächeln und weiß nicht recht, wo das hinführen soll. Wer ein Happy End mit plötzlich aufwallenden Gefühlen oder Läuterung erwartet, der wird bitter enttäuscht. Wer sich in der lakonischen Erzählweise wiederfindet, der wird mit einer hintergründigen Geschichte belohnt.

Die Pressestimmen, die das Buch alle samt loben sprechen von „einer gelungenen Groteske / Satire“ auf das Leben von Frauen in der heutigen japanischen Gesellschaft. Ich persönlich finde, dass eine Menge Begebenheiten auch auf Deutschland oder Europa zutreffen. Ich werde wohl nie vergessen, als eine junge Italienerin mich vollkommen entsetzt ansah, als ich erwähnte, dass ich keine Kinder habe und auch nicht zwingend welche wolle. Ihre Antwort hat mich schockiert:

Aber dann bist Du keine richtige Frau!

Dass solches Denken noch heute Frauen beherrscht ist bezeichnend für die Versäumnisse der Emanzipation. Zum Glück bin ich mittlerweile aus dem Alter raus, wo mich das irgendwer fragt und auch meine Mutter hat ihren Frieden mit meiner Kinderlosigkeit gemacht 😉

 

Schlussendlich sei gesagt, dass dieses Buch ist nichts für Menschen ist, die leichte Unterhaltung suchen. Letztendlich finde ich den Hintergrund ‚Was tun, um Erwartungen zu entsprechen – und: muss ich das überhaupt?‘ sehr gelungen dargestellt und sicherlich kann sich jeder, insbesondere Frau, an der einen oder anderen Stelle wiederfinden.