Wie sagt meine Oma immer…

… alt werden ist kein Zuckerschlecken, Niki. Recht hat sie. Ganz offensichtlich.

Omi ist neulich 96 Jahre alt geworden. Und sie mag nicht mehr. Aber sie wacht einfach immer noch jeden Morgen auf, obwohl sie sich das Gegenteil wünscht.

Am Wochenende war ich anlässlich Weihnachten bei Ihr im Heim. Seit neuestem ist sie in einer Kurzzeitpflege, als Übergang zwischen Krankenhaus, wo sie die letzten sechs Wochen verbracht hat und finaler Heimunterbringung.

Obwohl das Heim wirklich nett ist (da habe ich in meiner beruflichen Vergangenheit ganze andere gesehen und vor allem gerochen), gibt es wohl keinen deprimierenderen Ort auf Erden.

Meine Oma lebte bis vor kurzem noch allein. Sie kam zurecht, auch wenn der Haushalt natürlich immer schwieriger zu bewältigen war. Vor allem, weil sie eine Perfektionistin ist. In ihren regelmäßigen Briefen an mich, war das Fensterputzen ein gewichtiges Thema. Was nimmt sie sich auch eine Wohnung mit kompletter Fensterfront, beziehungsweise, warum nimmt sie die ihr zustehende Hilfe im Haushalt nicht an. Tja. Weniger eigen wird man im Alter nicht…

Aber es hat alles noch geklappt und obwohl alleine, denn in dem Alter sind dir alle Freunde weggestorben, doch autark. Wie wenig selbstverständlich das ist, weiß meine Oma, seitdem sie zu einem Routineeingriff ins Krankenhaus bestellt wurde. Die Batterien ihres Herzschrittmachers sollten ausgetauscht werden. Im Grunde keine große Sache, solange sich keine Infektion ausbildet und der Herzschrittmacher in einer weiteren OP versetzt werden muss.

Jeder weiß vermutlich, wie schnell Muskeln verkümmern, selbst in jungen Jahren. Hatte man den Gips mit sämtlichen Unterschriften endlich – schon fast ein bisschen wehmütig ab – sah man das ganze Ausmaß des Elends. Bei einem 96-jährigen Körper kann man dem Verfall förmlich zuschauen. Hatte meine Oma das eigenständige Putzen, Einkaufen und Kochen zuvor in Bewegung gehalten, so lag sie nun seit Wochen flach. Der schmackhafte Krankenhausfraß machte es auch nicht besser, so dass von der stattlichen Frau von einst nur ein kleines Häufchen übrig geblieben ist.

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Nun könnte man ja meinen, dass ein Wechsel in ein nettes Heim sogar nochmal einen positiven Aspekt hervorbringen kann, denn immerhin gibt es hier Menschen Ihren Alters, mit denen man sich austauschen kann. Nicht mehr allein sein, umsorgt sein, an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen. Die Realität sieht aber anders aus.

Altenheim Realität

Ich komme um die Mittagszeit zu meiner Oma und finde sie (immerhin) im Aufenthaltsraum. Dort sitzen einige Heimbewohner um einen großen Tisch und schweigen. Sie starren vor sich hin und warten. Worauf? Weiß der Himmel.

Klar nehme ich am Essen teil und bemühe mich, viel zu lächeln, zu erzählen und den Anschein zu erwecken, dass ich nicht zu Tode betrübt bin. Immerhin zieht meine Omi zur Feier des Tages und weil es Fleisch gibt ihre Zähne an 😉

Das Essen sieht erbärmlich aus und die Alten tun sich schwer beim Schneiden geschweige denn Kauen. Meine Oma isst eine Krokette und mag dann nicht mehr. Wundert mich nicht. Wie immer schwelgt sie später, als wir einen Trip durch das Haus machen, in der Vergangenheit. Ich verstehe nur zu gut warum. Auch nicht das erste Mal erzählt sie mir, dass sie nicht mehr aufwachen möchte, dass das kein Leben mehr sei und dass sie so allein ist.

Klar versuche ich sie aufzubauen. Ermutige sie sich mit den anderen auszutauschen (die Dame vom Mittagstisch heißt immerhin auch Margarete und war recht aufgeschlossen im Gegensatz zu den anderen Mumien), aber ich verstehe sie nur zu gut und wünsche ihr heimlich, dass sich ihr Wunsch erfüllt und sie einfach nicht mehr aufwacht.

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Ich gehe nur ungern, muss aber unbedingt raus. Mit 200 KMh fliege ich Heim und nehme mir vor niemals so alt zu werden. Bei der Fahrweise ohnehin unwahrscheinlich.

So abgedroschen der Spruch auch ist „Carpe diem“, so wichtig danach zu leben, denn mitnehmen kann man nix.