Heute möchte ich etwas mit Menschen machen.

Schubsen wäre toll.

Den Spruch hat mir neulich eine Freundin geschickt, als wir gemeinsam in Düsseldorf Stadtmitte unterwegs waren. Eine super Idee Samstags. Ich weiß gar nicht, ob ich ‚Freundin‘ sagen kann, schließlich kennen wir uns gerade mal ein paar Monate. Tatsächlich halten uns viele Menschen für Schwestern, weil wir beide schmal sind und kurze dunkle Haare haben. Eine sehr oberflächliche Betrachtung. Was ich besonders an ihr mag ist der Schalk, den sie im Nacken trägt. Gut verborgen unter einer zauberhaft unschuldigen Oberfläche. Ungekünstelt, unoperiert und trotz Rolex und Céline nicht abgehoben. Eine Seltenheit auf und um die Kö herum 😉

In meiner Woche kamen nämlich auch die Menschen vor, die sich selbst wahnsinnig wichtig nehmen, Menschen, die andere gerne gängeln und solche, die auch unbekanntermaßen irre nervig sind. Zum Beispiel die typische Tussi, die mich Donnerstag Morgen verfolgt hat.

Man stelle sich einen herrlich sonnigen und kalten Morgen vor. Endlich habe ich mal wieder Gelegenheit, ohne Regen zur Arbeit zu laufen und freue mich über die Bewegung. Die Kö ist noch wunderbar leer, die Vögel zwitschern, doch ‚Horch‘, was hackt denn da im Stakkato hinter mir? Natürlich die eine, die mit ihren High Heels die ganze Straße terrorisiert. Zugegeben, sie kommt meinem forschen Sneaker Schritt bestens hinterher. Respekt. Kaum ist sie nach links abgebogen lande ich hinter 3 Grazien, die derart parfümiert sind, dass mir kurz der Atem stockt. Ein Asthmatiker wäre unmittelbar den Vanille Tod gestorben.

Die Platzierungen 2 und 3

Aber genug von Menschen. Wollte Euch eigentlich von meinen letzten Buchempfehlungen berichten. Ihr wisst ja….wenig Zeit….ich muss mich zwischen 3 Büchern entscheiden, die ich in den letzten Wochen gelesen habe:

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Der Zopf meiner Großmutter von Alina Bronsky ist wieder ein wunderbares Beispiel für den sprachlichen Witz der Autorin. Der lakonische, ironische und ansatzweise zynische Unterton Ihres Schreibens bringt mich immer zum Lachen:

»Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte. Es war klar, dass die Großmutter nichts davon mitkriegen sollte. Sie hatte schon bei geringeren Anlässen gedroht, ihn umzubringen, zum Beispiel, wenn er beim Abendessen das Brot zerkrümelte.«

Wie alle Werke, die ich bislang von ihr gelesen habe – uneingeschränkt empfehlenswert!

Als Büchergilden Fan, muss ich Euch natürlich auch die traumhaft schöne Ausgabe von Arthur Schnitzlers „Casanovas Heimfahrt“ ans Herz legen.

Das Buch kommt nicht an seine berühmten Novellen heran, sonst wäre es wohl genauso bekannt. Nichts desto trotz finde ich die Beschreibung eines alternden Casanovas, der nur noch Heim nach Venedig möchte und dafür einige Ränke schmiedet ganz wunderbar. Er setzt sich damit auseinander, was Casanova empfindet, jetzt, wo seine Attraktivität den natürlichen Spuren des Verfalls ausgesetzt ist und die Freundin des Hauses seinen Charme verlacht. Ein spannendes Thema: Mit dem Alter umgehen, wenn man besonders berühmt oder schön, oder beides war. Zum Glück bin ich nur ein Normalo und muss mich nur selbst über Falten und Winkeärmchen achten, ohne, dass das in der Presse ausgeschlachtet wird.

Apropos Schalk im Nacken: kommen wir zum Highlight – Tyll

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Der Roman Tyll kam bereits Ende 2017 raus und ich hatte ihn gleich gekauft, weil ich von der „Vermessung der Welt“ sehr begeistert war.

Ich habe immer eine Auswahl von 15-20 neuen Büchern da, aus denen ich mich nach aktueller Laune bediene.  Eine Interpretation des Lebens und Wirkens von Till Eulenspiegel gehörte lange nicht zu dem Thema, mit dem ich mich beschäftigen möchte. Aber wow – da hatte ich wirklich einen ganz großen Roman verpasst, der vollkommen zurecht mit Presselob überschüttet wurde!

  • Ein Meisterstück (…). Was ist das nur für ein unerschöpfliches Buch und was für ein grossartiger Stoff. (…) Es ist überdies der aussergewöhnlichste Europa-Roman seit vielen Jahren (…). Nicht zuletzt aber handelt es sich um ein phantastisches Geschichtenbuch, es ist grosses Theater, es ist Kino und Dichtung in einem. (…) wir sehen Daniel Kehlmann auf der Höhe der Kunst. — Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung
  • ‚Tyll ist das beste Buch, das Daniel Kehlmann bislang geschrieben hat (…). Ja, es ist wieder ein Geschichtsbuch, wie 2005 Die Vermessung der Welt, der meistverkaufte deutsche Roman seit Patrick Süskinds Parfum, das Buch, mit dem Kehlmann zum Weltstar der deutschen Literatur wurde. Aber anders als die hyperionisch erzählte Geschichte der deutschen Weltvermesser (…) ist das neue Werk ein – ja – zu Herzen gehendes, lebensvolles, wundervoll undistanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos. (…) Tyll ist Daniel Kehlmanns Sieg über die Geschichte, sein historischer Triumph. — Volker Weidermann, Der Spiegel
  • Und jetzt darf ich einen echten Triumph der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur anzeigen. Sprachtrunken, bildersatt und verzaubert habe ich den neuen Roman von Daniel Kehlmann zugeklappt: So ein Wunderbuch begegnet einem nicht jedes Jahr! Eindrücklich wie nie gelingt es Kehlmann, rund um den aus dem Spätmittelalter in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verpflanzten Tyll Ulenspiegel einen Mummenschanz um Macht, Machtmissbrauch und den Hochseiltanz unserer Existenz zu inszenieren, der es in sich hat. Hinreißend! — Dennis Scheck, ARD „Druckfrisch“
  • Kehlmann ist ein Sprachzauberer. Er lässt den Leser den Dreißigjährigen Krieg spüren, riechen, schmecken. Sein Buch ist dreckig, feucht und kalt, es stinkt nach Pest, Tod und Verderben – und ist dabei trotzdem so lebensbejahend und abgründig komisch. Kurz, Tyll ist verdammt großartig. — Claudio Armbruster, ZDF „Heute Journal“
  • Ein meisterhafter Roman. — Bernhard Oberreither, Der Standard

Ich kann mich dem großen Lob wirklich nur anschließen. Besonders der Begriff „Sprachzauberer“ trifft absolut ins Schwarze

20200209_102608Tyll Ulenspiegel – Vagabund, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein vermeindlicher Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt und muss sich dem Vorwurf ein Hexer zu sein stellen. Tyll sieht mit an, wie seine Eltern gefoltert werden und schließlich sein Vater verurteilt und gehängt wird. Er flieht mit der Bäckerstochter Nele und das Abenteuer durch das religös zerrissene Land beginnt. Schnell ist klar, dass er ein Magnet für die Massen ist. Seine Auftritte als Schauspieler, als Jongleur, als Seiltänzer sind legendär.  Auf ihren Wegen begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen Großen. Das Buch zeichnet ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Klagt Fanatiker an, ist rasant, komisch und lehrreich. Und sprachgewaltig. Wir treffen den melancholischen Henker Tilman, den sprechenden Esel Origenes und das exilierte Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat und die nun schachern und blenden, um Ihre vermeintliche Macht zurückzuerhalten, während sie den Schein aufrechterhalten und im verwaisten Schloss frieren.

Ich habe auch verschiedene sehr negative Rezensionen gelesen, die sich auf die inhaltlichen Fehler des geschichtlichen Hintergrundes beziehen. Trotz Geschichte Leistungskurs bin ich nicht (mehr) mit den Details des 30-jährigen Krieges vertraut, aber mal ganz ehrlich: Kehlmann schreibt an keiner Stelle, dass sein Buch auf historischen Tatsachen beruht. Wie auch. Die tatsächliche Existenz Till Eulenspiegels ist nicht enimal bewiesen und wenn überhaupt ordnet man ihn in das 14. Jahrhundert (thanks god there is Wikipeadia ;-)). Warum ihn also nicht als zynischen Spiegel für die Protagonisten der Religionskriege verwenden.

Ewige Meckerfritzen, die alles haarklein zerlegen müssen, um ihr Dasein zu rechtfertigen, sind übrigens meine bevorzugten Schubsobjekte 😉

Ich jedenfalls fand es großartig und möchte es wärmstens empfehlen.

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So. Jetzt mach ich mir einen neuen Tee und eine neue Wärmflasche und huste munter weiter vor mich hin und warte auf Sabine.

Habt einen schönen Sonntag!

 

 

Quelle: http://www.Amazon.de

8 Kommentare zu „Heute möchte ich etwas mit Menschen machen.

  1. Oje Du Arme, aber wenigstens hast Du genug Lesestoff. Meine Große hat es auch erwischt und natürlich hat sie es geschafft, uns in den letzten 2 Tagen auch anzustecken.
    Dir eine gute Besserung.
    Liebe Grüße
    Anja von Castlemaker.de

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Dir Süße. Würde ja gerne mal wieder Dich lesen….mein Mann bekommt einen Anfall, wenn ich die IGTV Videos laut schaue, hihi….aber die sind richtig erfolgreich bei Dir, gell? Schönen Tag meine Liebe. Habe heute Urlaub und bekomme Besuch aus der alten Heimat ***freu***

      Liken

  2. Danke, dass du einen Kommentar in meinem Blog abgegeben hast, nur damit habe ich dein interessantes Blog entdeckt und finde ihn super! Danke für deine Buchtipps, ich lese gerne, komme aber leider nur auf max ein Buch pro Monat. Im Moment lese ich „Seiten Sprungdiät“ von Tanja Griesel,sehr lustig, wie man sich aus dem Titel vorstellen kann! 😉
    Liebe Grüße,
    Claudia

    Gefällt 1 Person

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