Es ist ‚angerichtet‘ – Entschleunigung 2.0

Spanien und Italien haben mittlerweile die vollständige Ausgangssperre. Meine italienischen Kollegen leiden sehr darunter, was ich angesichts des herrlichen Wetters hier durchaus nachvollziehen kann. Einen völlig leeren Park ganz für sich alleine zu genießen (zumindest Morgens) ist einzigartig schön.

Trotz Krise, trotz beängstigenden Meldungen muss ich ganz ehrlich bekennen, dass ich die Situation genießen kann und mich gänzlich entschleunigt fühle. Natürlich gibt es auch im Home Office eine Menge zu tun, aber man fährt doch deutlich runter.

Und im Vermeiden sozialer Kontakte liegt die Chance (oder für manche Menschen der Fluch) sich ganz auf sich selbst zu besinnen. Auf die Schönheit der Natur (solange es noch geht), auf gute Bücher und Filme.

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Neulich habe ich ein Buch geschenkt bekommen, dass ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen hatte. Der Inhalt war mir allerdings vollkommen abhanden gekommen (zum Glück funktioniert mein Kurzzeit-Gedächtnis besser). Also hab ich es nochmal gelesen.

Kleiner Exkurs: ich verschenke oder empfehle Bücher je nach Gegenüber. Ich stelle mir vor, was denjenigen interessiert, auf welchen Schreibstil er oder sie reagiert und welcher Inhalt hilfreich, spannend oder belustigend sein könnte. Umgekehrt frage ich mich bei Büchergeschenken an mich (und es ist nicht leicht mir ein Buch zu schenken) was man sich  bei der Auswahl gedacht hat. Oftmals wählen sie nach eigenen Vorlieben, was ich eher  gedankenlos und gelegentlich voll daneben finde. Besonders wenn die Auswahl aus der von mir verhassten Rubrik „Frauenliteratur“ stammt. Was hat sich der Schenkende also beim vorliegenden Roman von Herman Koch „Angerichtet“ gedacht, in dem es um eine ziemlich psychopatische Familie geht, die zum Schutz ihres Sohnes zu haarsträubenden Mitteln greift? 

Es ist angerichtet und schwer zu schlucken

Es geht um zwei Brüder, deren Frauen und Söhne. Letztere werden von Ihren Eltern erkannt, als diese Aktenzeichen XY schauen. Die Bevölkerung wird um Hilfe zur Identifizierung von Tätern aufgerufen, die eine Obdachlose verbrannt haben und dabei von einer Überwachungskamera beobachtet wurden. Nicht nur die Tat selbst ist brisant, sondern auch die Reaktion der Eltern von Michael. Jeder von Ihnen erkennt den eigenen Sohn, offenbart sich aber nicht dem Partner, obwohl alle sich übereinstimmend für die heilste Familie auf Gottes Erde halten.

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Wir erfahren über Michaels Vater, dass er ein Gewaltproblem hat, das offenbar in seiner DNA angelegt ist. Ausraster à la Michael (welch ein Zufall) Douglas in „Falling Down“ sind an der Tagesordnung solange er seine Medikamente nicht nimmt.

Bei einem Essen in einem überbewerteten Sternetempel, zu dem nur der Bruder als zukünftiger Premierminister der Niederlande Zugang verschaffen kann, wollen die Paare über die Eskalation Ihrer Teenies reden. Herman Koch führt uns über die verschiedenen Gänge tief in die Gedankenwelt von Michaels Vater und wie sagt man so bedeutungsschwanger: es öffnet sich die Büchse der Pandora und es ist Unheil darin.

Ein lohnenswertes Buch, dass in Abgründe jeder Seele blickt, wobei sich vermutlich jeder im Moment des Lesens distanzieren will. Vielleicht abgesehen von dem nachvollziehbaren Wunsch dem unverschämten Maitrê den nervigen kleinen Finger brechen zu wollen.

Das Buch hat mich an zwei ganz ausgezeichnete Filme erinnert. Vielleicht sind diese Tipps in Zeiten aktivem Abwohnens ja willkommen…

Der Gott des Gemetzels – Zivilisiert war gestern

Mein ultimativer, ungeschlagener Liebling, weil sowohl Dramaturgie, als auch schauspielerische Leistung fast unglaublich sind, ist „Der Gott des Gemetzels

Die Story ist im Grunde die gleiche. Zwei Ehepaare müssen über die Schlägerei Ihrer beider Kinder reden. Der Film von Roman Polanski (dessen Werke ich ansonsten nicht so sehr schätze) ist nicht geschnitten, sondern durchgängig gedreht und alle Schauspieler sind derart hochkarätig, dass sie perfekt darstellen, wie jeder einzelne im Laufe des „Gesprächs“ vollkommen die Beherrschung verliert. Wollen die Beteiligten sich zunächst ganz zivilisiert, wie es sich gehört, verständigen, so eskaliert die Situation immer weiter und alle zeigen ihr wahres Gesicht. Was mich daran so begeistert, obwohl Kinder, Erziehung, Eltern sein usw. gar nicht meine Themen sind, ist die Beobachtung der Abgründe, die feinsinnigen Charakterstudien exzellent gespielt von dem ganz großen Christoph Waltz, der hinreißenden Kate Winslet sowie Jodie Foster und John C. Reilly. Und ich wette jeder erkennt sich an der einen oder anderen Stelle wieder.

So auch in einem meiner anderen Favoriten.

Falling Down – auf dem Schlachtfest des Lebens

Bill Foster hervorragend gespielt von Michael Douglas (den ich eigentlich nicht sonderlich mag) flippt völlig aus. Seine Frau hat ihn verlassen, er hat seinen Job verloren und die Elemente (wie Stau und Lebensmittel im allgemeinen) sind gegen ihn. Und überhaupt müssen ein paar Dinge einfach mal gesagt werden:

Sowohl die jugendlichen Diebe, als auch der arrogante Burger King Angestellte und selbst die Polizei sollten Bill heute besser nicht dumm kommen. Tun sie aber…selber schuld…

Eine spannende, böse Sartire über richtig schlechte Tage, wie sie jeder kennt. Zu Beginn sympathisiert man mit dem ausrastenden Bill, der vehement darauf besteht nicht sechs Brötchen kaufen zu wollen, sondern nur die zwei, die er braucht. Und für die er auch zahlen will. Die Frage bleibt, braucht man zur Argumentation den Baseballschläger? Schließlich läuft er komplett Amok, aber als Zuschauer kann man sich auch bis zum Schluss nicht von einer gewissen Sympathie freimachen, ganz im Unterschied der Protagonisten von „Angerichtet“.

Tage wie diese

Ein überwiegender Teil der Bevölkerung ist mittlerweile im Home Office wenn das Gewerbe es zulässt. Alle obigen Tipps haben außerordentliche Umstände zu Grunde liegen. Wir sehen schon jetzt, wie Menschen mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen auf die Situation reagieren. Offenbar gibt das Horten von Toilettenpapier Sicherheit. Lasst uns hoffen, dass solch harmlose Reaktionsweisen die Regel bleiben.

Bislang dachten wir doch alle, vierundzwanzig Stunden seien lang. Mal sehen wie lang noch. Meine Vermutung? Corona wird entweder hohe Scheidungsraten und/oder hohe Geburtenraten zur Folge haben.  In Zeiten wie diesen kann es gar nicht genug Film- und Buchtipps geben, denn wir alle müssen uns darauf einrichten mit uns selbst klar zu kommen.

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Passt auf Euch auf!

PS: Danke für das Buch!