What a difference a day makes…

Mit der Zeit ist es zur Zeit so eine Sache…

Sie vergeht (für mich) wieder normal. 60 Sekunden, eine Minute, 60 Minuten eine Stunde und der Tag hat wieder 24 Stunden (die alten Ägypter waren schon damals astronomisch schlau).

…24 little hours….

Noch vor wenigen Wochen bin ich Montags zur Arbeit gelaufen, um die einzigen ruhigen Minuten der Woche bewusst zu genießen. Kaum kam ich im Büro an, war es schon wieder Freitag und wir haben uns beglückwünscht die Woche gemeistert zu haben.

20200321_103641Jetzt ziehe ich sehenden Auges meine Kreise. Zum einen, um den Unbelehrbaren aus dem Weg zu gehen, zum anderen, weil ich endlich die Muße habe, um all die wunderbaren Details meines Weges wahrzunehmen, in mich zu gehen, meine Gedanken schweifen zu lassen, darüber nachzudenken, was ich alles nach dieser unglaublichen Zeit machen werde.

Interessanterweise (echt jetzt?) sind meine Gedanken tiefgründiger, wenn das Wetter nicht so strahlend schön ist. Der Anlass, warum ich viele Ansichten in beiden Gemütszuständen fotografiert habe. Der Anlass und die passende Muße …

Nach der Krise

Jetzt können wir schon anfangen uns darauf zu freuen, was wir nach Corona alles tun können. Hoffentlich sind wir dann nicht zu dumm und vergessen die Erfahrung der Entbehrung nicht gleich wieder. 

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Kunstpalast,1925 bis 1926 nach Plänen von Wilhelm Kreis

Können wir uns jetzt eigentlich vorstellen, wie es der Nachkriegsgeneration ging? Wenn ich im Supermarkt warte, bis ich eingelassen werde und einen verzweifelten Eiertanz aufführe, um den anderen 19 Menschen nicht zu nah zu kommen, während ich – nach wie vor – auf der Jagd nach frischen Lebensmitteln bin, ahne ich, wie meine Oma sich gefühlt haben muss.

Eines wird gerade sehr klar. Genau jetzt wissen wir, was wir alles nicht gemacht haben in den letzen Wochen und sein wir ehrlich: Monaten. Wir waren nicht im Theater, nicht in Ausstellungen, nicht in Konzerten.

 

 

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Skulptur Nashorn-Tempel 1988 … macht sich keine Gedanken über Toilettenpapier
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Wieso war ich da eigentlich noch nicht?

Aber in jeder Wetterlage sind meine Sinne geschärft. Ich nehme die architektonischen Besonderheiten der Stadt wahr, die teilweise ungeheuer martialisch sind und die ich vom reinen Anblick her in die Nazi-Zeit eingeordnet hätte. Wilhelm Kreis hat sich in den 20er Jahren offenbar eine goldene Nase in Düsseldorf verdient, denn alle Gebäude gehen auf den Buddy von Albert Speer zurück…da schließt sich dann doch der Kreis ***grrr***

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Tatsächlich wird die Tonhalle laut Wikipedia dem Expressionismus zugeordnet, zumindest stammt die heutige Konzerthalle – im zweiten Anlauf – nach der Zerstörung im ersten Weltkrieg aus 1925/26. Diese Bauten, die nur unweit der heiteren Seite des Rheins entlang stehen, beeindrucken mich, ohne schön zu sein, zumindest nicht für mich.

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Tonhalle,1924 bis 1926 nach Plänen von Wilhelm Kreis

Streng und unnahbar bauen sie sich vor einem auf und man ist froh, wenn man gleich nebenan in den nächsten der zahlreichen Grünflächen und liebevoll gepflegten Parkanlagen gehen kann, um diese dusteren, drückenden Eindrücke in frühlingsbunten Savoir vivre zu vergessen. Oder auf dem Friedhof. Waaaaaas?

Melancholie versus innere Einkehr

Keine Sorge, ich bin kein bisschen morbide, auch wenn diese Tage die armen einsamen Menschen vielleicht dazu einladen, oder zur Besinnung bringen – wer weiß das schon – aber der Golzheimer Friedhof fasziniert mich. Mitten in der Stadt, im Lärm der umliegenden Straßen, zwischen den modernsten Gebäuden, ist er eine Oase, der offenbar jeden dazu bewegt den größtmöglichen Respekt an den Tag zu legen.

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Golzheimer Friedhof, 1804 – der kleinere Protestantische Teil

Im Sommer, oder in meinem ersten, sehr merkwürdigen Frühling in Düsseldorf, findet man hier herrlich schattige Plätzchen. Bei herbstlichem Wetter, denke ich an meine lieben Verstorbenen. Meinen Opa und meinen geliebten Onkel. Wie verzweifelt kann ein Mensch sein, der sich vor einen heranbrausenden Zug kniet. Wie verzweifelt die Hinterbliebenen sind, die nichts von seiner Verzweiflung gemerkt haben, weiß ich.

Es ist nicht Schwermut, es ist innere Einkehr, die mir Gedanken wie diese beschert. Innehalten ist jetzt angesagt. Zeit wird’s?!

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Social Distance noch kein Thema…

Es gibt hier Gräber aus dem 18. Jahrhundert, deren Inschrift man kaum noch entziffern kann. Dennoch sehe ich hin und wieder, dass den Verstorbenen mit frischen Blumen gedacht wird. So respektvoll und still ich selbst diesen Ort der Stille durchwandere, so tun es auch alle, die ich je dort getroffen habe. Für mich einer der magischen Anziehungspunkte in Düsseldorf, die bei strahlend blauem Himmel leichter zu ertragen sind.

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Südlicher Friedhof für die Katholiken

Für Menschen, die dieser Tage alleine leben, oder mit jemandem zusammen, den sie lieber nicht 24 Stunden um sich hätten, für die, deren Existenz gerade wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht, muss es unvorstellbar (da fehlt mir ein ausreichend aussagekräftiges Adjektiv) sein. Unabhängig davon, dass es mir ungeheuer leid für sie tut, bin ich doch dankbar, dass ich nicht in dieser Situation bin. Dass ich einfach ausreichend ’social distance‘ habe, mir nicht darüber Gedanken machen muss Morgen nicht mehr meine Miete zahlen zu können, genug zu essen zu haben. Und das mit dem Hinternabwischen wird schon irgendwie gehen…

In sich gehen, gehen, gehen

Und weil ich gerne viel laufe, viel zu denken habe und weil es jetzt noch geht, führt mein Weg mich weiter Richtung Kö. Dieser Tage haben die Reichen und Schönen Pech, denn die Kö ist vollständig verwaist. Keine wimmelnden Touristenmassen versperren den Blick auf die stille Schöne.

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Tritonenbrunnen, Friedrich Coubillier von 1898 bis 1902 gestalterischer Abschluss der Kanalachse des Stadtgrabens.

Gewaltig sind all die Skulpturen, die ich mir jetzt in aller Ruhe ansehen kann. Es gibt tatsächlich soviel schönes zu entdecken. Wäre ich gläubig, oder ansatzweise esoterisch, würde ich mich fragen, ob Corona nicht von einer höheren Macht geschickt wurde, um uns zu testen. Sind wir noch in der Lage uns zu besinnen? Vielleicht war die höhere Macht ja auch einfacher der Meinung, dass wir die Klimakrise mit Gerede allein nicht bewältigen…

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Stehender Jüngling des Bildhauers Georg Kolbe, vor Drahthaus
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Eines meiner Lieblingsgebäude: Drahthaus 1951 bis 1952 nach Plänen von Helmut Hentrich

Greta hat jetzt Sendepause. Die ganze Welt hat nur noch ein gemeinsames Ziel. Alle sind sich einig, auch wenn es die üblichen Alleingänge a là Trump gibt…Ich kann mich an keinen Zeitpunkt der Geschichte erinnern, wo alle in einem Boot saßen. Wer darf denn nun eigentlich in die Arche?

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Oder meint die höhere Macht, dass wir eben viel zu wenig reden? Und führt uns jetzt in die Situation, soziale Kontakte intensiv zu vermissen. Uns klar zu machen, dass wir vielleicht nicht achtsam genug waren. Mit uns selbst und auch mit der Intensität unserer Beziehungen. Denn mal ehrlich. Ich sorge mich um alle, die mir lieb und teuer sind, selbst wenn ich aufgrund der Entfernung lange nicht mit ihnen gesprochen habe. Entfernung ist jetzt erstaunlicherweise kein Thema mehr, mal abgesehen von den zwei Metern. Plötzlich wird gewhattsappt, geskyped und gehangouted was das Zeug hält. In Wirklichkeit rücken wir doch im Moment zusammen, oder? Denn dafür ist jetzt ZEIT.

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What a difference a few weeks make…

Ich betrachte Corona als Chance für die Welt sich zu besinnen. Einen Gang zurückzuschalten. Unsere Freiheiten wertzuschätzen. So nutze ich diese Krise für mich selbst und ziehe alleine meine Kreise, um Schönheit zu entdecken, für die ich kein Auge hatte, weil ich die Muße nicht hatte im täglich schnelllebigen Wahnsinn.

Die katholische Kirche St. Albertus Magnus in Düsseldorf-Golzheim 1938

Ich fotografiere wieder. Und zwar nicht den Outfit-of-the-day, denn der besteht zu 98% aus Jogginganzug. Ich lasse mich durch diese wunderschöne und endlich stille Stadt treiben…

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Rheinterrasse,1924 bis 1926 nach Plänen von Wilhelm Kreis

…und sammle so viele Eindrücke wie ich kann. Bedrückend, oder heiter. Abgesehen davon habe ich auch begonnen zu hamstern. Und weil ich an Klopapier nicht mehr ran komme, fällt meine Wahl auf Bücher. Erst lesen, dann…

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Es wird langsam dunkel auf meinem Rückweg. Fast alle Fenster sind erleuchtet. Durch die noch nicht ganz dichten Hecken sehe ich Paare und Familien an Esstischen. Man spricht miteinander, lacht, isst gemeinsam. Kommt mir irgendwie schön und heimelig vor.

IMG-20200321-WA0015Zu Hause wartet mein Mann. Ich setzte mich mit einem Bierchen an den Esstisch, mache ein paar Kerzen an und schreibe, während ich 50er Jahre Mucke lausche. Gleich machen wir zusammen essen, setzten uns an den Tisch und lernen uns mal richtig kennen 😉

Mal sehen, was Corona noch für Untiefen zu Tage führt.

…and the differnce is YOU

Ich jedenfalls röhre mit dem Hirsch. Alleine draußen, so lange es geht.

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Bleibt gesund!