Home Office – Tag 10

Man sollte meinen, dass die schwindende Wirtschaftslage in Home Office weniger Arbeit beschert. Bei mir ist es das genaue Gegenteil. Aber ich will gar nicht klagen, immerhin haben wir noch ein Business, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Anfangs dachten wohl alle noch „Home Office“…cool…länger schlafen, keine Zeit für den Arbeitsweg, die eigene Küche nebenan…so what? Ich bin jetzt bei 10 Tagen und froh, dass ich mich noch mit meinem Mann verstehe, aber gefühlt bin ich schon seit Wochen vollkommen aus dem Rhythmus.

Heute habe ich tatsächlich mal wieder morgens geduscht, mir normale Kleidung angezogen, sogar die Wimpern getuscht und Parfum verwendet. Ich kam mir ganz fremd vor im Spiegel, aber ich musste schließlich auch raus. Ins Büro.

Heute schon die Sonne gespürt?

Also los ging’s. Mitten in die Stadt. Über die Kö. Während des Spaziergangs (öffentliche Verkehrsmittel – nein danke), musste ich an einem Video Call mit meinen europäischen Kollegen teilnehmen. Großes Geschrei, als sie gesehen haben, dass ich draußen war. Ich wurde gebeten die Kamera auf die Umgebung zu richten, damit jeder ein bisschen Luft schnappen konnte. Ist doch echt absurd, oder?

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Verwaister Kö-Bogen

Wir stellen gerade alle fest, dass wir zwar ungeheuer viel kommunizieren, viele (unangenehme) Entscheidungen treffen, arbeiten bis zum umfallen, aber darüber hinaus vergessen menschlich zu sein. Unsere Firma hat deswegen verschiedene Initiativen gestartet, die uns allen helfen sollen, keinen Lagerkoller zu bekommen.

So hatte ich gestern meine erste Virtual Coffee break. Alle europäischen Counterparts (also alle Marketeers, alle Außendienstler, alle Country Manager usw) nehmen sich eine halbe Stunde Zeit, gehen auf den Balkon, oder in den Garten, schwätzen über alles und nichts und trinken zusammen Kaffee. Ich hatte tatsächlich mal wieder Spaß, denn wir sind uns als Menschen, nicht als Kollegen begegnet.

Mein schwedischer Kollege hat uns die Umgebung seines Ferienhäuschens gezeigt. Irgendwo im Nirgendwo. Ich habe fast schon auf einen Elch gewartet, der um die Ecke lugt. Mein italienischer Kollege sitzt bei seinem Vater fest, den er nur besucht hatte. Seinen einzigen Jogginganzug wäscht er dann und wann und wartet darauf, wieder nach Hause zu dürfen. Spanien trinkt den üblichen Cortado auf dem Balkon im 10. Stock und unser Londoner Boss hat uns mit in den Garten seines neuen Hauses genommen.

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Virtual Coffee Break

Morgen habe ich mit meinen Mädels Virtual Girls-only Coffee. Im Büro haben wir uns immer unsere neuesten Mode-Schnäppchen vorgeführt. Das muss Jahre her sein. Zur Feier des Tages habe ich mir sogar die Nägel lackiert, weil ich irgendwie das Bedürfnis hatte mich mal wieder zu pflegen, anstatt alle zwei Tage zu duschen und gelegentlich den Jogginganzug zu wechseln…

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Mal den geschenkten Nagellack ausprobiert…

Am Freitag jedenfalls werde ich Virtual Yoga ausprobieren.

So reden echte Männer!

Auf dem Rückweg vom Büro bin ich über die leer gefegte Königsallee, vorbei an all den geschlossenen Läden nach Hause gelaufen. Noch schnell einkaufen, nach Hause gehen, Hände waschen, weiter arbeiten und schließlich Essen. Und nach dem Essen ein kleiner Feierabend Drink. Baileys auf Eis. Die 80er waren einfach am besten…

Und weil ich im Moment so wenig Bewegung habe, stelle ich mich nach dem Essen noch ein bisschen auf meinen kleinen Heimtrainer im Schlafzimmer, um nicht völlig aus der Form zu geraten. Ich habe dort ferngesehen und musste so lachen, dass ich fast vom Stepper gefallen wäre. Clint Eastwood in Gran Torino zeigt der Bambusratte (dieser Tage wohl kaum politisch korrekt…) wie Männer miteinander sprechen:

Zum Abschluss noch ein bisschen Bauch-Beine-Po und der ewige Kampf gegen die Winkeärmchen und auch Tag 10 ist gelaufen.

Mehr Zeit im Home Office? Ich wüsste nicht…

Nachher werde ich mir kurz vorm schlafen noch eine Folge von der Amazon Prime Serie „Modern Love“ anschauen. Die ersten vier Folgen hatte ich mir gestern beim Spätsport angesehen. Ich weiß gar nicht mehr wie ich darauf gekommen bin, war aber sehr begeistert.

Was für die weibliche Seele.

Wer Lust auf Romantik hat, der ist bei dieser Serie bestens aufgehoben. Dieses Format heißt zwar Serie, eine Folge hat mit der anderen aber gar nichts zu tun, bzw. baut nicht aufeinander auf. Jede Folge ist ein ganz eigener Kurzfilm mit vollkommen anderen, teilweise sehr bekannten Schauspielern. Der rote Faden ist lediglich, dass es um moderne, ungewöhnliche Liebesgeschichten geht. Fast am besten hat mir die erste Folge gefallen, bei der es um eine junge Frau und deren fast väterlicher ‚Beziehung‘ mit dem Portier des Hauses geht. Anne Hathaway glänzt als Bipolare in einer Folge, in einer anderen Dev Patel, bekannt aus Slum Dog Millionär, den ich aber noch lieber in einem meiner Lieblingsfilme ‚Best Exotic Marigold Hotel‘ fand.

Schätze, das ist eher etwas für Frauen…gibt es auch auf Deutsch…

Das war’s eigentlich schon, was ich Euch heute erzählen wollte.

Jetzt gibt es noch ein paar Seiten in meinem aktuellen Schmöker ‚Ein einfaches Leben‘ von Min Jin Lee, dass mal irgendeine meiner Bekannten auf Instagram empfohlen hatte. Sehr gut muss ich sagen. Es geht um ein koreanische Familie in Japan. Sie werden verachtet und müssen Tag für Tag kämpfen, um zu überleben.

Vor vielen Jahren, als es mir nicht gut ging, habe ich mal ‚Das Buch der Menschlichkeit‘ vom Dalai Lama gelesen. Eine Lektüre, die hilft über den Tellerrand zu sehen. Zu erkennen, dass es immer Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als einem selbst und die eigenen Probleme sofort relativiert.

Beide Bücher und die aktuelle Pandemie erden.

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Noch schnell eine Zigarette auf der Terrasse. Gute Nacht!