Von der Ungeduld

Man kennt ja noch die einschlägige Interview Frage: „Was würden Sie als Ihre größte Schwäche bezeichnen?“

Eine so altbackene Frage verdient eine altbackene Antwort in Form einer vermeintlichen Schwäche, die sich selbstverständlich als eine große Stärke umformulieren lässt.

So auch meine größte Schwäche, mit der ich meinen Mann Heute, Morgen und vermutlich auch noch die nächsten vier bis acht Wochen in den Wahnsinn treibe: Ungeduld. Meine Ungeduld ist selbstverständlich ein Synonym für Entscheidungsfreude, für den unbedingten Willen etwas voranzutreiben, für Mut zur Veränderung usw.

Ihr kennt das…

Ich bekenne: meine Ungeduld ist echt. Wenn ich mich zu etwas entschlossen habe, dann mache ich es. Ich brauche keinen Termin wie den 1.1. dazu. Ich entscheide und setze um. Umso schwerer, wenn meine Entscheidungen zwar getroffen sind, ich aber abwarten muss, bis ich endlich loslegen kann.

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Im Augenblick warte ich auf eine ganze Menge. Auf meine neue Aufgabe, der ich entgegenfiebere, auf das Ende meiner aktuellen Aufgabe für die ich nicht mehr motiviert bin, auf die Möbel, die die Wohnung einmal komplett auf den Kopf stellen, auf einen Gerichtstermin, der wohnungstechnische Altlasten klärt, auf einen Frisörtermin, der endlich wieder meinen Kopf in Form bringt, kurz, auf einen fast völligen Neustart in einer neue Ära. Nur: ich muss warten und das macht mich unruhig.

Also tigere ich bei schwülwarm-kräftigen Wind am Rhein entlang, denke vor mich hin und versuche runterzukommen.

Angesichts idiotischer Verschwörungsdeppen, die meine Spazierstrecke mit Unflätigkeiten pflastern, fällt  runterkommen einmal schwerer. Mal kurz in die Republik geworfen: wer sich in seinen Grundrechten eingeschränkt fühlt, soll doch bitte in irgendein anderes europäisches Land gehen, oder alternativ endlich mal über seinen Dosen-Ravioli-Tellerrand schauen.

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Duftige Erinnerung

Es ist verhangen, aber 26 Grad. Der warme Wind erinnert mich an den Mistral, dem ich vor Jahren in der Provence ausgesetzt war. Anfangs denkt man noch: ach halb so wild. Die Sonne scheint ja. Aber nach einer Woche Wind drehst Du durch. Deine Ohren fühlen sich an, als hättest Du permanent Muscheln auf. Du willst vor dem Wind fliehen, aber er dringt in jede Ritze und weht Deinen Verstand und auch Deine Geduld einfach weg. Und das, wo das kleine Häuschen in der Provence der Ort ist, an dem ich die allergrößte Ruhe empfinde. Denn nicht nur Bewegung beruhigt mich, sondern auch Düfte. Der Duft an einem heißen Sommertag in der Provence, den ich jederzeit in meine Nase erinnern kann, ist geprägt von den Kiefern, dem Lavendel und dem Rosmarin, der gleich neben dem Häuschen reichlich vorhanden ist. Es ist so eine trockene Hitze ohne jegliche Luftfeuchtigkeit vermischt mit unwiderstehlicher Würze, die den Duft einzigartig macht.

Nachahmen lässt sich der Duft und meine damit verbundenes Gefühl der Ruhe mit bestimmten Räucherstäbchen. Vielleicht liegt es daran, dass alle Synapsen bei Räucherstäbchen auf ein entspanntes Hippie Dasein getrimmt sind. Unsere alten Nachbarn hatten eine zeit lang vermutet, dass wir einen Ashram oder eine Marihuana geschwängerte Kommune gründen wollten, so oft wie ich gezündelt habe. Aber ich brauchte nur die beruhigende Erinnerung an die provenzalische Ruhe. Wie jetzt.

LSD hilft nur bedingt

Apropos Kommune, Drogen und dem Versuch ein anderes Bewusstsein erreichen zu wollen. Der aktuelle TC Boyle (Das Licht) erzählt die Geschichte einiger Gelehrter, die gemeinschaftlich mit LSD experimentieren. Natürlich im Rahmen der Wissenschaft, der Psychologie, nicht um einfach berauschenden Sex zu haben.

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Boyle hat schon viel über Drogen geschrieben. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Die verzweifelten, fast komischen Versuche der Protagonisten sich durch Drogen frei zu machen (finanziell oder sexuell) sind in seinen Werken „Drop City“ und „Grün ist die Hoffnung“ auf das beste, witzigste und literarisch wertvollste dokumentiert. „Das Licht“ ist wieder eines seiner Werke, ohne das man auch gut ausgekommen wäre. Irving und Boyle scheinen so jedes dritte oder vierte Buch einfach mal daneben zu hauen.

Nichts desto trotz bleibe ich ein großer Fan. Aber wenn ich es in einer Woche Urlaub nicht schaffe ein Buch zu Ende zu lesen, dann spricht das nicht für seinen Inhalt.

Kurz gefasst:

Alle schlucken regelmäßig LSD (im Namen der Wissenschaft), jeder schläft mit jedem (im Namens des LSD), alle Spießer verstehen sie nicht und schmeißen sie aus Harvard raus. Alle ziehen zusammen und stellen schnell fest, das Gemeinschaft im Rausch nur so lange funktioniert, bis die Frage auftaucht wer das Bad putzt und dass freie Liebe nur so lange funktioniert, wie der Rausch anhält. Aber die letzen 100 Seiten lese ich auch noch, wobei es mich überraschen würde, wenn Boyle mich noch überraschen könnte…

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So lange erfreue ich mich an meiner neu gerahmten ’schönen Rafaela‘ von einer meiner Lieblingskünstlerinnen Tamara de Lempicka. Sie ist endlich ihr etwas barockes Mäntelchen los geworden, dass noch wunderbar in unseren Altbau gepasst, hier in der Moderne allerdings fehl am Platz gewirkt hat. Herzlichen Dank auch Blickpunkt!

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Fehlt noch das passende Bett, sämtliche Kommoden, das Bücherregal (ist noch dazu gekommen), der Sessel (ein Traum in dem ich ‚das Licht‘ vielleicht endlich beende).

*** Grrrr *** Ich mache jetzt Sport 😉

Seid Ihr auch so ungeduldig?

 

Outfit:

Jeans: Levis Made & Crafted

Shirt: Ragdoll LA

Sneaker: Ash

Tasche: Furla

 

PS: Schreiben entspannt 😉

15 Kommentare zu „Von der Ungeduld

  1. Deine Ungeduld wirkt aber echt wie positiver Tatendrang. 😉 … Persönlich geht mir bei dieser „tollen“ Frage nach der größten eigenen Schwäche spontan durch den Kopf: „(Nur) eine größte Schwäche?!“

    „Grün ist die Hoffnung“ von Boyle habe ich als Jugendlicher gelesen. Mal etwas anderes als ein Krimi/Thriller, aber so richtig vom Hocker gehauen hat mich das Buch nicht, trotz eigentlich interessanter Ansätze.

    Die Kiefernwälder in Frankreich mit diesem typischen Geruch finde ich auch klasse und verbinde damit schöne Kindheitserinnerungen. 🙂

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    1. Hahaha….die kleinen Schwächen erwähne ich natürlich nicht….sowas wie „Rauchen“, Sportsucht und Spielsucht 😉
      Echt, Grün ist die Hoffnung fandest Du nicht stark? Also ich habe es fast so sehr geliebt wie „Wassermusik“ muss ich sagen. Als sie da die komplette Marihuana Ernte in der Pariser Stadtwohnung lagern und das ganze Viertel duftet. Herrlich…
      Da sind wir dann wieder beim Duft….schön, wenn ich Dich an angenehm dufte Momente erinnern konnte 😉
      Happy weekend!

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  2. Liebe Nicole, ich sehe schon bildlich den Dampf aus Nasenlöchern und Ohren bei Dir rauskommen vor lauter Ungeduld. Ich dachte immer, dass ich ungeduldig bin, aber verglichen mit Dir ist das vielleicht ein bisschen Nervösität….
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Sigrid

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    1. Hahaha….gieß ruhig Öl in mein Feuer liebe Sigrid. Habe ich mir redlich verdient 😉
      Zum Glück kam kurz nach dem Artikel der Anruf, dass ich mein Bücherregal verkauft habe….das ist in extreme Aktivität ausgeartet, indem ich mal wieder einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen konnte, dem Ausmisten….
      Danach war ich wieder beruhigt. Loslassen tut mir so gut…
      Entspannten Sonntag für Dich!

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  3. Liebe Nicole,

    Ungeduld is my middle name 😉 Ich habe bisher noch kein 100% Rezept dagegen gefunden … Aber Deine positive Sichtweise darauf hilft vielleicht beim nächsten Mal.

    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hihi….mein Mittelname ist Alexandra. Griechisch für ‚Ungeduld‘ sollt man meinen…
      Mir scheint ‚Beschäftigung‘ ist ein Mittel. Leider eines, dass mich nicht immer runterbringt….aber ich hoffe mit zunehmendem Alter und Reife legt sich das. Allein mir fehlt der Glaube 😉
      Corona hat ja vieles bei mir bewirkt, aber das leider nicht…

      Egal. Hab einen entspannten Sonntag liebe Martina.
      Viele Grüße, Nicole

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      1. Hihi, meine Lieblingspuppe habe ich den Namen Alexandra verpasst, weil ich den so gerne mochte 🙂

        Das nur mal nebenbei.

        Also ich bin wie Obelix. Als der liebe Gott alles andere verteile, bin ich in den Topf mit der Ungeduld…na, du weißt schon…..allerdings, man höre und staune, habe ich die im Unterricht tiptop unter Kontrolle….aber dann Zuhause….lach…..

        Ungeduldig bin ich wegen der Situation nicht. Aber die Irren mit ihrem durchdrehten Kram gehen mir ganz gehörig auf die Wimpern. Da tröstet es mich auch nicht, dass eine Psychologin kürzlich schrieb, dass es verschiedene Arten gibt, mit der Coronoa Lage umzugehen.

        Manche finden Sicherheit, indem sie sich nun an die Regeln halten. Andere reimen sich etwas zusammen….

        Musste echt lachen mit deinem Ashram….Räucherstäbchen sind so gar nict meins. Aber für Lavendel lass ich alles stehen und liegen.

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      2. Hi Frau Ungeduld 😉
        Mit der Altersmilde beherrschen wir die Ungeduld offenbar besser als unser Obelix. Liegt vielleicht auch daran, dass wir weniger antibiotika gestopftes Schwein futtern…
        Auf alle Fälle habe ich gleich mal Lavendel Öl zum duften gebracht. Hast recht. Beruhigt auch!
        LG und schöne Restwoche,
        Nicole

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  4. Hallo Nicole, ja, ich auch und es wird wohl ein ewiges zerren und üben bleiben. In Vorstellungsgesprächen nenne ich „Ungeduld“ meist als meine Schwäche. Damit kann ich mich identifizieren und meist tut es nicht weh. Alles Liebe, Sovely

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    1. Danke Sovely. Ja. Ich denke es ist wichtig immer authentisch zu sein. Was hat man am Ende des Tages davon, wenn man sich als eine andere verkauft hat, als die man wirklich ist….blöd für einen selbst und für den potentiellen Arbeitgeber. Wer so startet kann im Grunde nur verlieren….
      Schönen Sonntag für Dich!

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  5. Mal wieder herrlich geschrieben.
    Ich kenne das mit der Ungeduld nur zu gut. Und dann auf der anderen Seite die Antriebslosigkeit.
    Bin gespannt ob dich Boyle noch auf den letzten 100 Seiten überrascht. Finde deine Review auf jeden Fall jetzt schon gelungener als von vielen buchbloggern ;D
    Liebe Grüße
    Dorie

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    1. Ach wie lieb von Dir, Dorie! Geht mir runter wie Öl. Ich muss sagen, als ich noch in der Schule war, habe ich lesen gehasst. Am Ende des Tages hatte man einfach genau das über ein Buch zu sagen, was der Lehrer erwartet hat.
      Jetzt darauf ich schreiben was ich will….und nein, leider haben die letzten 100 Seiten mich nicht überrascht….aber demnächst habe ich wieder einen ganz wunderbaren Tipp!
      LG Nicole

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