Die melancholische Unschärfe der Welt

Wieder Iris Wolff. Ich fühle mich ein bisschen als Vorleser missbraucht, aber vielleicht bin ich selbst Schuld, weil ich so wenig gute Haare an „So tun als ob es regnet“ gelassen hatte.

Nachdem ich die ersten zehn Seiten überstanden hatte – fast hätte ich aufgehört, denn im Ceaușescuschen Rumänien, im Banat, wird mit Schwangerschaftsabbrüchen brutal umgegangen, war ich angetan.

Frau Wolff scheint eine Vorliebe für Episoden-Aufbau zu haben, denn auch hier finden wir die Geschichte mehrerer Generationen in verschiedenen Kapiteln erzählt. Ich sagte ja schon, das ich das grundsätzlich mag. Ein weiterer Aspekt fällt mir vorab generell an Frau Wolffs Büchern auf: sie sind schwermütig. Es gibt kaum einen glücklichen Charakter in den Büchern. Das Leben scheint einfach schwer. Da ich ein großer Freund russischer Literatur bin, also sowohl den Klassikern, wie auch gegenwärtiger, wie z.B. Andrey Kurkov, ist mir die Melancholie vertraut und ich wälze mich genüsslich darin. Muss man aber mögen…

Die Geschichte, die Protagonisten:

Florentine, die unangepasste Pfarrersfrau, die ein Kind verliert und ihr Mann, der Pfarrer der Gemeinde, einen Ticken zu weltoffen für den Diktator, sind Dreh und Angelpunkt des Buches. Scheinbar passen die beiden nicht zu einander. Sie ist eine Träumerin, die lieber die Sterne an der Kirchendecke betrachtet, als eine ordentliche Pfarrersfrau zu mimen, er, der Pfarrer, der auch bei der Interpretation seiner Religion ein bisschen zu ehrlich ist. Das bringt ihm das eine oder andere Verhör ein.

Hannes und Florentine – Samuels Eltern

Auch bei der Erziehung ihres Sohnes Samuel sind die beiden nicht immer einer Meinung. Samuel spricht nicht. Florentine glaubt, wenn die richtige Zeit käme würde es schon werden. Und so ist es auch.

Samuel dominiert den Rest des Buches, der die weiteren Verwebungen der handelnden Personen aufdeckt. Immer mit wenigen Worten.

Er ist zum Beispiel die erste und letzte Liebe seiner Kinderfreundin Stana. Eine wirklich feinfühlig gelungene Betrachtung von Frau Wolff.

Samuels Kindergarten Freundin

Er flieht mit seinem Kinderfreund Oz, der ins Visier der Securitate geraten ist, nach Deutschland.

Ich fand es spannend zu lesen, wie die Privilegien, die Freiheit und der Überfluss auf Oz wirkt. Etwas, das wir Deutschen Jammerer gerne mal vergessen…besonders im Moment.

Severines Sohn

Er wird zum Schwarm von Bene, einem homosexuellen Buchhändler, der mit seinem (natürlich nicht offiziellen) Freund Lothar gern gesehener Gast bei Florentine und Hannes war und ist.

Doch Bene wird genauso verlassen, wie auch Oz, der sich in eine Deutsche verliebt, die sich lieber an Samuel ranmacht.

Stana ignoriert Samuels Briefe, Bene verliebt sich in Samuel und bald sind also alle unglücklich, oder tot.

Zusammenfassend:

Der Roman hat bereits unzählige Preise eingeheimst und ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Dem Buch wird ein großer politischer Hintergrund unterstellt, der für meine Begriffe nur wenige Male aufblitzt und mich – zugegeben – auch nicht sonderlich interessiert. Die Kritiker loben das Buch über den grünen Klee. Mir hat es gut gefallen. Und Punkt. Es ist tatsächlich sprachlich sehr stark, aber es ist auch wirklich schwermütig. Es beginnt mit Tod, dem eines Fötus und dem eines Kindes, es führt alle Beteiligten durch tiefe Täler, um schließlich zurück im Banat ein einigermaßen versöhnliches Ende zu finden. Es ist leise, eindringlich, sehnsüchtig und auf eine gute Art und Weise anstrengend und streckenweise wunderbar erotisch.

Das ist die sprichwörtliche „Schwere Kost“, die nicht erlaubt, dass man unaufmerksam liest (inklusive dem Kursiven).

Sehr nett fand ich die Gedanken über Bücher, die sie Bene in den Mund gelegt hat. Nämlich vermeintliche Literaten gleich zu den nichtssagenden Bestsellern zu führen und sich keinesfalls Bücher zu leihen, denn …

Geliehene Bücher zu lesen ist wie Sex mit angelassenen Klamotten.

Der homosexuelle Buchhändler

Ich hatte mir das Buch geliehen, bzw. es wurde mir geliehen. Aber jetzt ist es meins. Es lag auf meinem Schoss, ist mit mir zum Frisör gegangen, hat mit mir Kaffee getrunken, mit mir gegessen und leider ein paar Spuren Nagellack abbekommen. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, ihm Eselsohren zu verpassen, was ich liebe. Und überhaupt…vermutlich gefällt es dem Verleiher eh nicht 🙂

Buch? Welches Buch?

2 Kommentare zu „Die melancholische Unschärfe der Welt

  1. Liebe Nicole,
    Hmm, ich glaube, das Buch wäre nicht meines. Obwohl ich liebe die Art, wie du sie immer vorstellst. Es ist herzerfrischend zu lesen und ich denke dann immer: Vielleicht doch?
    Ich wünsche dir einen schönen Mittwoch.
    Hab es schön und bleib gesund.
    Liebe Grüße
    Nicole

    1. Was soll ich sagen, Nicole. Es ist ein Buch, dass ich nicht jedem empfehlen würde. Es ist einfach schwermütig. Man kann das nicht beschönigen…Ich bin nicht sicher, ob ich es mir selbst gekauft hätte. Vermutlich eher nicht.
      Dennoch danke für Dein Kompliment und einen schönen Abend,
      Nicole

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