Vögeln, lieben, liegen lernen.

Mit Frank Goosen noch mal tief in die 80-90er Jahre eintauchen. Großartig. Da gibt es Vinyl en masse, Erektionen ohne Ende, Gleichgültigkeit und aber auch echte Liebe. Zur Musik, aber auch zu Menschen, wenn auch letztere mit viel Verwirrung, Schmerz, unendlichem Genuss und Aufregung verbunden ist.

Aber ohne Musik geht nichts. Zum einem wird Helmut schon vom Vater vorgelebt, dass die Liebe zur Musik nachhaltiger ist, als die zur überquellend dicken Mutter, der Mann nichts mehr zu sagen hat. Da geht es ganz intim und immer allein in den paradiesischen Keller.

Zum anderen ist klar, dass sich in Musik auszukennen die Mädels beeindruckt. Am meisten, wenn man ein Instrument spielt. Was aber wegen nachweislicher Unbegabtheit ausfällt.

Überhaupt gilt alle Energie dem Anlocken von Weibchen. Selbst zur bescheuerten Teezeremonien (bei denen ich mich total erwischt fühle) unter Beschallung des verhassten Barclay James Harvest, wird gute Mine gemacht.

Und ich gestehe (fast) ganz ohne Scham, dass ich Madonna verehrt habe, inklusive der Klamotten. Ich war auf dem Konzert im Waldstadion in Frankfurt, wo bei 40 Grad reihenweise alle in Ohnmacht gefallen sind (ich nicht). Und selbstverständlich stand ich auf Boy George und George Michael. Tue ich noch.

Und weil steter Tropfen den Stein höhlt, schafft Helmut es, für sich selbst vollkommen unverständlich, der klugen, hinreisenden, ultra-freien Britta aufzufallen. Ok. Er darf selbst seinem besten Kumpel Mücke nicht sagen, was da läuft (und es läuft immer mehr), aber das ist Britta allemal wert.

Sie ist anders. Ihre Eltern haben am helllichten Tag Sex. Sie küsst ihn mit Zunge und schon bald schlafen die Beiden miteinander. Er kann an nichts anderes mehr denken. Jede Sekunde so nah wie möglich, so nackt wie möglich miteinander zu verbringen ist gerade genug, eigentlich gibt es aber kein genug.

Die ganz große Liebe, von der niemand weiß, die nie vergeht, die aber geht. In die USA. Für ein Jahr. Ist wichtig für ihr Fortkommen.

Natürlich wartet er. Er schreibt. Er leidet. Aber Britta kommt nicht zurück.

Dann eben eine andere zur Ablenkung. Gisela. Auch gut neben dem zufällig gewählten Studium. Zumindest so lange, wie sie ihn nicht mit WG-Genossin Barbara erwischt. Ihm ist es egal. Immerhin geht er im Studium auf. Gisela gefällt es nicht.

Vielleicht kann Gloria es richten. Immerhin ist sie älter, rothaarig, Sportreporterin, frei und cool. Sie kann ihn Britta vergessen machen. Gevögelt wird jedenfalls ohne Ende, doch sie offenbart spezielle Neigungen und stößt an die Grenzen seines Verständnisses. Wer hätte es gedacht. Er erwischt sich dabei, sich spießig zu fühlen. Auf einem Friedhof Sex haben? Ok, er macht mit, aber es kommt ihm einfach falsch vor. Das Ende bahnt sich unausweichlich an.

Wir erleben nochmal die Maueröffnung mit, obwohl wir doch eben noch nur drei Fernsehprogramme hatten. Das Erste, Zweite und ein griseliges Drittes. Das Internet kommt. Wir arbeiten auf Disketten. Vinyl ist natürlich längst durch CDs abgelöst und irgendwie scheint es, als wiederhole sich die Geschichte.

Ich habe schon einige (spätere) Goosen gelesen und kann alle empfehlen. Sein hier vorgestellter Erstling, scheint einiges Biographische zu beinhalten, ist er doch als Jahrgang 1966 genau in dem richtigen Alter und hat noch dazu Geschichte, Germanistik und Politik studiert, wie Protagonist Helmut. Nachtigal ick hör Dir trapsen…

Ein witziger, sexy Genuss, der den 60er Jahrgängen unter Garantie die Jugend zurückbringt. Verzückend ruft der Roman ein Menge schöner und überflüssiger Erinnerungen hervor und man lebt (noch einmal) mit.

Und mal an Barbara von der Kulturbowle angelehnt beziehungsweise inspiriert:

Zum Weiterlesen: Mathias Brandt – Black Bird

Zum Weiterhören: Lea – Immer wenn wir uns sehn

Lust auf frisch verlieben?

Dann lest und hört rein.

24 Kommentare zu „Vögeln, lieben, liegen lernen.

  1. Guten Morgen Nicole,
    da werden tatsächlich Erinnerungen wach. Vielleicht genau das richtige Buch für den Jahreswechsel, wo mal so gar nichts schwer sein soll.
    Einen schönen Tag wünsche ich Dir.
    Liebe Grüße
    Sigi

    1. Ich sach’s Dir Sigrid, es ist ganz köstlich nochmal zurückzuschauen. Vieles hat man ja doch vergessen, dass man z.B. live bei der Verbreitung von Computern, Handies usw. dabei war. Denke gerade wir haben den Vorteil tatsächlich beides gelebt zu haben.
      Nach der Lektüre kann man sich dann auf die eigene Schulter klopfen, weil man anerkennt, dass man ganz gut mitgekommen und dass doch was aus einem geworden ist 🙂
      Ich wünsche Dir einen entspannten Rutsch, Sigrid. Ich freue mich auf ein Widerlesen in 2021.
      Alles Liebe, Nicole

    1. Natürlich gleich geändert. Wie recht Du hast. Unglaublich, aber wahr…ich habe niemals eine Gisela gekannt. Nicht mal ansatzweise. Ich entschuldige mich für die Verhunzung 🙂
      LG und entspannten Rutsch,
      Nicole

  2. Guten Morgen Nicole! Schön, dass die Inspiration schon übergesprungen ist 😉
    Bei manchem Büchern drängt sich einfach oft unweigerlich ein anderes regelrecht auf oder kommt wieder ins Gedächtnis. Der Goosen steht schon eine ganze Weile ungelesen in meinem Regal, aber irgendwie ist mir momentan immer nach etwas Anderem – mal sehen, wann der richtige Moment kommt. Dir einen guten Rutsch in ein gesundes, neues Jahr 2021! LG, Barbara

  3. Hallo liebe Nicole,
    mal wieder habe ich deinen Text verschlungen. Ich bin in den 90er geboren und kann mich eigentlich nur noch so richtig an die Backstreet Boys erinnern 😀 Madonna war nie eine Person, die ich mochte.

    Wünsche dir einen schönen vorletzten Tag in diesem Jahr!

    Liebst Linni
    http://www.linnisleben.de

    1. 😂😂😂 hihi…dafür bist Du dann eher zu jung, wobei in Eurer Generation ja ein starker Retro Trend zu beobachten ist, oder?
      Vinyl zum Beispiel hatte ja eine 2. Luft. Und Madonna….mit der habe ich natürlich auch nix mehr am Hut. Schon ewig nicht mehr…

      LG und schönes Rest2020, Nicole

  4. So, ich stelle fest, dass wir zwei nicht nur Weihnachtsschwestern und Namenschwestern sind. Die Verehrung der Musik… hachz. Und ABBA. Ich war quasi Agnetha. Sehr cool. Und diese Zeiten, als man hektisch aufs Handy geklickt hat, wenn man auf den Internetbutton kam. Flat-Was?? Bei Freunden von uns gab es mal eine Internetrechnung, die Weihnachten ausfallen ließ..
    Und: WIR WAREN DABEI!. Irre, nicht?
    Ich wünsche dir einen wunderbaren Start ins neue Jahr und freue mich auf unsere weiteren Gemeinsamkeiten äh Austausche.
    Liebste Grüße
    Nicole

    1. Ahhh….eben erinnere ich mich an das Geräusch, dass es gemacht hat, wenn man sich für’s Internet angemeldet hat. Einfach großartig! Eines muss ich aber gestehen, Nicole, aber auch Schwestern haben nicht immer die gleichen Vorlieben: Abba konnte ich nie leiden…
      Aber Dich kann ich leiden und wünsche Dir was! Was? Was immer Du Dir wünschst.
      LG Nicole

      1. Du bist sehr süß. Dich kann ich auch leiden. Und möge es dir immer gut gehen.
        LG Nicole

  5. Hier eine, die noch alle Alben aller Hairsprayrocker und Gitarrenposer der 80er aufzählen kann, damals war Rock n‘ Roll ALLES für mich und Kerle mit kurzen Haaren gingen garnicht…😉😉😉 2 x die Woche auf Konzerten unterwegs, einen von denen hab ich dann auch noch geheiratet…😂😉 Das Buch hört sich nach genau der richtigen Kost für solche Zeiten – wie jetzt gerade – an. Ich hab eigentlich nie groß die Muße Bücher zu lesen (bin eher die Kreative, die ständig was mit ihren Händen frickeln muss), aber nun hast du mich neugierig gemacht!!! Madonna fand ich auch mal cool, aber nur wegen ihrer Outfits mit den 3/4 Radlern und den ganzen Ketten…🙈😁 Ganz liebe Grüße und komm gut rüber ins neue Jahr!!! 🍀🍀🍀
    Lony

  6. Au weia. Wildkirschtee und Barclay James Harvest. Und ein Bilitis-Poster an der Wand. Das war sooo schrecklich *grins* Ungefähr zwei Jahre später war es dann total wichtig, irgendwelche Indie-Bands zu hören. Bloss keinen Mainstream!
    Bei der „Verbreitung der Computer“ war ich dann live dabei – habe mein Volontariat bei einer Computerzeitschrift gemacht und als ich anfing, kam gerade Windows 3.1 raus. Das war der Hammer! Und dann waren da noch die vierstelligen Horror-Telefonrechnungen, weil der nächste AOL-Einwahlknoten im Fernbereich lag. Gottseidank habe ich ebenda gearbeitet und die haben selbstverständlich die Rechnung übernommen. Sonst hätte ich unter eine Brücke ziehen müssen.
    Aber geil wars schon 🙂
    Liebe Grüße
    Fran

    1. Hahahaha….ja. Geil war’s und man waren wir jung. Und unfassbar cool, oder? Alle sagen immer, wie einfach alles war, als man jung war. Also auf mich traf das gar nicht zu. Man musste so viele Sachen haben und so viel vermeintlich richtig machen, um dazu zu gehören. Ich fand das immer irre anstrengend. Erst als ich Mitte 30 war, begann das Leben entspannt zu werden….
      Anyway….danke für’s reinschauen und eine guten Rutsch für Dich,
      Nicole

  7. Wieder mal toll beschrieben. Und ja… die 80er Musik, wer tanzt nicht dazu, noch heute (unabhängig von Alter)?! Wir werden heute – Silvester, bestimmt was laufen lassen! Ich wünsche dir guten Rutsch und ein gutes, gesundes Jahr 2021! Liebe Grüße und Prost auf das Neue Jahr!

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