Hätte ich nur früher Bescheid gesagt, könnten für die eine oder den anderen Romanliebhaber:(achlecktsmichdochamarsch)Innen gleich zwei meiner ungefragten Büchertipps unterm Weihnachtsbaum liegen.

Das eine mit Wiedererkennungsfaktor für Ü50 Frauen (oder Männer, die sich die Lektüre besser zu Gemüte führen sollten), das andere ein modernes Märchen mit nobelpreisverdächtigem Taschentuchalarm.

Ich hatte ja neulich schon begeistert über meine Neuentdeckung von Nicolas Mathieu berichtet und habe mir demzufolge den Vorgänger zu Connemara gekauft. Rose Royal. Warum der knapp 40-jährige sich schon in diesem Buch mit den Ängsten, Nöten und Unwägbarkeiten von Ü50 Frauen auseinandersetzt ist mir ein Rätsel. Aber eines weiß ich. Er tut es verdammt gut.

Oft genug erwische ich mich in diesem Buch selbst, denn Ladies (und vermutlich auch die Herren), wir selbst sehen uns doch niemals so alt, wie dieses verfluchte Spiegelbild es uns weismachen möchte, oder?

Klar werden wir Alten auch nie müde uns zu versichern, dass wir dafür weise und erfahren sind. Jaha…stimmt ja auch…aber ein paar andere traurige Realitäten gibt es eben auch. Und hier bewahrheiten sich die Stimmen der Kritiker, die Mathieus Sätze mit Fallbeilen vergleicht:

Die zweite Jugend mit über 50? Heute Alltag, oder? Jeden Tag empfinde ich das mal als Freiheit, mal als Scheitern.

Der Autor zeigt uns die ganze Bandbreite potentieller Enttäuschungen auf der Suche nach diesem nächsten, letzten Glück, bei dem Rose zunehmend dem Alkoholismus anheimfällt.

Aber sie trifft Luc. Und alles entwickelt sich bestens. Abgesehen vom Sex. Aber Frau will ja nicht meckern, zumindest so lange nicht, wie es genug zu trinken gibt. Und ja klar gibt sie für ihn den Job auf. Warum auch nicht, er hat ein Haus. Doch irgendwann täuscht auch kein Rausch mehr darüber hinweg, dass im Grunde beide sich etwas vormachen. Anstelle von Annährung gewinnt Gewalt.

Ein ganz und gar großartiger kleiner Roman. Rasant. Schockierend. Nix für Romantiker:(ihrmichauch)Innen oder Weicheierinnen 🙂

Zum Weinen schön dagegen, wie die KF (Künstliche Freundin) Klara für die von ihr betreute, kranke Josie die Sonne um Hilfe bittet.

Das Buch beginnt vollkommen unverständlich, bis man endlich feststellt, dass es aus Sicht einer KF (zunächst glaubt man an eine Schaufensterpuppe) erzählt ist. Es hat mich streckenweise an den Film ‚I Robot‘ mit Will Smith erinnert, denn man spürt unmittelbar, dass Klara mehr als nur ein Roboter ist und sehr automatisch ist man ihr sehr zugeneigt. Ein Gefühl, dass sich im Laufe des Buches immer weiter verstärkt, so dass man fest überzeugt ist, dass DIESE künstliche Intelligenz eine ist, die tatsächlich fühlen kann wie ein Mensch.

Die kranke Josie jedenfalls sucht sich Klara ganz bewusst aus, damit sie ihre beste Freundin wird. Ein völlig normaler Zustand in der neuen entfernten Welt, die Ishiguro hier entworfen hat, denn alle „Gehobenen“ haben KFs. Schließlich ist neben dem Elitetraining per Computer nicht viel Zeit, um sozial zu interagieren. Hierfür gibt es arrangierte Pflichtmeetings, die regelmäßig für reichlich Stress sorgen.

Aber Josie ist nach der DNA-Aufwertung zur Gehobenen krank. Ihre Schwester hat sie schon an die Manipulation zum Wohle des Kindes verloren und ihre Mutter setzt alles, auch vermeintlich Krankhaftes daran, ihre Josie zu behalten.

Klara steht ihr bei. Wie ihr Jugendfreund Rick, der Nachbarsjunge, der es nicht in die Gehobenen Riege geschafft hat, der aber treu an ihrer Seite sitzt und sogar Klara, bei ihrem perfiden Plan die Sonne um Hilfe zu bitten, unterstützt, obwohl Josie ihn oft genug zur Verzweiflung treibt.

Klara, die zwar bereit ist Josie ‚fortzusetzen‘, falls diese stürbe, macht sich daran die Sonne zu überzeugen. Sie opfert einen Teil von sich selbst und spätestens dann sind alle Taschentücher gezückt. Und sie hat Erfolg – so viel sei verraten – denn die ‚heilende Nahrung‘ der Sonne, die auch ihre Solarzellen nährt, bewirkt scheinbar das Ende Josies Leiden, dass Aus des Planes sowie von Klara selbst. Denn den zauberhaft weisen Schluss des Romanes, der meinen Tränendrüsen nochmal alles abverlangt hat, habe ich mir nicht gewünscht. Auch wenn er – gemessen an der Fantasiewelt, die so meisterhaft realistisch daherkommt – schlüssig ist. Kein Märchen ist perfekt, auch wenn Frau es noch so sehr möchte.

Ein ganz und gar wunderbarer, sprachgewaltiger und sehr feinsinniger Roman, der Liebe und engste Verbundenheit in allen Fassetten (auch traurig-schönen) beschreibt, aus dem man eigentlich nie wieder auftauchen möchte.